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Keim der Krise, Kommentar zum Export von Stephan Lorz

Frankfurt (ots)

Erneut hat die deutsche Exportwirtschaft einen Ausfuhrrekord eingefahren: Im Oktober wurden Waren im Wert von 99,1 Mrd. Euro verkauft, damit wurde die Bestmarke vom März 2012 übertroffen. Neue Anfeindungen vom Internationalen Währungsfonds (IWF), der US-Regierung oder der EU-Kommission wegen der Exportlastigkeit der deutschen Industrie, die den europäischen Krisenwirtschaften den Raum zur Gesundung nehme, braucht Berlin indes nicht zu befürchten. Denn auch die Binnennachfrage belebt sich und hat die Importe nach oben getrieben: Der Handelssaldo ist mit 17,9 Mrd. Euro viel geringer ausgefallen als im September mit 20,3 Mrd. Euro.

Der Saldo dürfte in den nächsten Monaten noch weiter schrumpfen und den Exportkritikern die Argumente entwinden. Denn die Löhne in Deutschland steigen deutlich, was heimische Produkte tendenziell verteuert; gleichzeitig wirken neue staatliche Auflagen (Stichwort: Koalitionsvertrag) in die gleiche Richtung. Wegen der steigenden Energiepreise dürften viele Unternehmen zudem neue Investitionen eher im Ausland tätigen, was die Ausfuhrbilanz ebenfalls entspannt: Steigen die deutschen Exporte um 10%, nehmen die Vorleistungsimporte etwa aus EU-Ländern schon heute um rund 9% zu. Viele der Zulieferer dort sind Töchter deutscher Exporteure und helfen auf diese Weise den krisengeplagten Ökonomien im Süden Europas.

Diese Konstellation dürfte noch für eine Weile anhalten. Denn die jüngste Einigung der Welthandelsorganisation (WTO) auf eine weitere Liberalisierung des Welthandels spielt der deutschen Exportindustrie in die Hände. Sie dürfte es künftig noch leichter haben, ihre Produkte auf den Weltmärkten loszuschlagen. Und einigen sich EU und USA auch noch auf ein transatlantisches Freihandelsabkommen, profitieren sie erneut.

Allerdings stellt sich die Frage, ob die heimische Industrie dann noch in der Lage sein wird, die sich ihr bietenden Chancen wahrzunehmen. Es ist offensichtlich, dass die Infrastruktur in Deutschland vernachlässigt wird, die Energiekosten ins Untragbare steigen und den Unternehmen immer neue Soziallasten aufgebürdet werden. Der Fachkräftemangel ist eklatant. Von der neuen schwarz-roten Regierung ist ausweislich des Koalitionsvertrags nichts zu erwarten, was den "Standort D" wieder für (Auslands-)Investoren attraktiv macht. Womöglich wird gerade jetzt im Jubel über jüngste Exporterfolge und Geschäftschancen durch das WTO-Abkommen der Keim der nächsten Krise in Deutschland bereits gelegt.

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