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14.07.2021 – 08:00

Sucht Schweiz / Addiction Suisse / Dipendenze Svizzera

Auswirkungen der Cannabislegalisierung und -regulierung:
Nicht die Zeit für vorschnelle Schlüsse

Auswirkungen der Cannabislegalisierung und -regulierung: / Nicht die Zeit für vorschnelle Schlüsse
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Lausanne (ots)

18 Bundesstaaten der USA, Kanada und Uruguay haben in den letzten Jahren Cannabis legalisiert und legale Märkte eingeführt. Wie eine umfassende Literaturrecherche von Sucht Schweiz im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zeigt, ist es heute meist noch zu früh, Rückschlüsse zu den Auswirkungen der äusserst unterschiedlichen Regulierungsmodelle zu ziehen. Die Analyse zeigt jedoch erste, kurzfristige Erkenntnisse, besonders für die USA.

Die Regulierungsmodelle in den Ländern und Regionen mit legalisiertem Cannabis sind sehr unterschiedlich und werden kontrovers diskutiert. Um die Erkenntnisse zu den bisherigen Erfahrungen zu sichten, ging Sucht Schweiz im Auftrag des BAG der Frage nach, wie sich die Legalisierung von nicht-medizinischem Cannabis in den USA, Kanada und Uruguay auf die Märkte, den Konsum, die Gesundheit oder die Verkehrssicherheit und Kriminalität bislang auswirkte. Berücksichtigt wurde der Stand der Forschung bis Anfang 2021, sieben Jahre nach der Einführung des ersten legalen Cannabismarktes im US-Bundesstaat Colorado und nur zwei Jahre nach der Legalisierung in Kanada.

Fakt ist: Die veröffentlichten Studien lassen bis jetzt nur wenig Rückschlüsse zu den Auswirkungen der Cannabislegalisierung zu. Zu viel bleibt unbekannt. Es braucht noch einige Jahre mehr an Erfahrung und bessere Daten, um die Auswirkungen wissen­schaftlich benennen zu können, etwa jene auf die Gesundheit der Bevölkerung. Dies ist auch das Fazit anderer Forscher, die eine solche Bilanz gezogen haben.

USA mit wirtschaftlich orientiertem Regulierungsmodell

Die Literaturrecherche von Sucht Schweiz zeigt jedoch erste, kurzfristige Beobachtungen, wobei die meisten Studien die Situation in den USA betrachten. Anfang 2021 lebte hier rund ein Drittel der Bevölkerung in einem Bundesstaat, in dem Cannabis zu nicht-medizinischen Zwecken legalisiert wurde und Umfragen zeigen, dass fast zwei Drittel der Amerikanerinnen und Amerikaner eine Cannabislegalisierung unterstützen. Von 18 Bundesstaaten, die Cannabis bisher legalisierten, haben zehn regulierte Märkte für Konsumierende ab 21 Jahren eingeführt. Sie wählten meist wirtschaftlich orientierte Marktmodelle. Die gesetzlichen Massnahmen zum Schutz der Gesundheit von Konsum­ierenden, von Jugendlichen und von Dritten sind vergleichsweise schwach ausgeprägt.

Die meisten Forschungsarbeiten deuten bis jetzt darauf hin, dass es in diesen Staaten zu keinem Konsumanstieg unter Minderjährigen kam. Aber mehrere Studien legen eine Zunahme des Konsums unter Erwachsenen und insbesondere unter jungen Erwachsenen (18-25 Jahre) nahe - dies im Vergleich zu anderen Bundestaaten, die Cannabis nicht legalisierten.

Die verfügbaren Daten weisen auch darauf hin, dass in den USA die Produktevielfalt (z.B. Esswaren oder Konzentrate) grösser wurde und der THC-Gehalt oft zunahm. Diese Entwicklungen bringen verschiedene Herausforderungen für die Qualitätskontrolle sowie für die Vermarktung (Mengen, Verpackung, Informationen) der Cannabisprodukte mit sich. Die Zahl der Besuche in der Notaufnahme, der Krankenhausaufenthalte und der Anrufe bei Giftnotrufzentralen ist nach der Legalisierung gestiegen - eine Entwicklung die stark mit dem Konsum neuer Produkte in Verbindung steht.

Die Anzahl legaler Verkaufsstellen und die Verkaufsmengen nehmen in den meisten US-Bundesstaaten immer noch zu. Die Preise sind nur kurz nach der Öffnung der Märkte gestiegen und anschliessend oft deutlich gesunken. Es gibt Hinweise dafür, dass der Schwarzmarkt zurückgedrängt wurde. Die Anzahl der Verzeigungen wegen Cannabis­besitzes ging wie erwartet stark zurück.

Bisherige Erkenntnisse deuten auf einen Anstieg von Unfalltoten im Zusammenhang mit Cannabis in einigen Staaten, welche die Substanz legalisiert haben, sowie auf einen Anstieg der Zahl der Lenker und Lenkerinnen, die im Strassenverkehr positiv auf Cannabis getestet wurden.

Kanada: zu früh für umfassende Rückschlüsse

In Kanada regelt die Bundesregierung die Produktion, Gesundheits- und Sicherheitsaspekte, während die Provinzen die Vertriebs- und Verkaufsprozesse definieren. Ab Oktober 2018 haben die kanadischen Provinzen und Territorien begonnen, den Verkauf von nicht-medizinischem Cannabis in privaten oder staatlichen Verkaufsorten einzuführen. Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass der legale Cannabismarkt mit zunehmend mehr Verkaufsstellen den Schwarzmarkt schrittweise verdrängt. Der Konsum stieg in den Monaten nach der Legalisierung insbesondere bei Erwachsenen an, wobei sich bis jetzt kein klares Muster für diese Veränderungen oder eine eindeutige Ursache ermitteln lässt.

Uruguay: Modell unter staatlicher Aufsicht aber mit wenig Forschung

Das südamerikanische Land hat im Jahr 2013 als erstes Land überhaupt nicht-medizinisches Cannabis legalisiert, wobei Produktion, Handel und Konsum unter staatlicher Aufsicht bleiben. Der Zugang erfolgt über den Eigenanbau, Konsumentenvereinigungen oder über Apotheken. Auch hier lassen die wenigen vorhandenen Studien kaum konkrete Rückschlüsse zu den Auswirkungen zu. Erschwerend wirkt sich aus, dass die Einführung dieses Regulierungsmodells sehr langsam erfolgt. Weniger als ein Drittel der Konsumierenden haben das Cannabis im Jahr 2018 über den stark regulierten Markt bezogen. Die Anzahl der Cannabiskonsumierenden hat seit der Legalisierung allgemein zugenommen, insbesondere bei Minderjährigen und Personen zwischen 26 und 35 Jahren, wobei Studien von ähnlichen Entwicklungen in Nachbarländern berichten, die Cannabis nicht legalisiert haben.

Und die Schweiz?

In den nächsten Jahren werden weitere Studien erlauben, die Auswirkungen der Cannabislegalisierung besser zu verstehen und verschiedene Regulierungsmodelle zu vergleichen. Auch in der Schweiz - mit dem revidierten Betäubungsmittelgesetz - sind Pilotversuche mit erwachsenen Teilnehmenden zur kontrollierten Cannabis-Abgabe in Städten jetzt möglich. Für diese gelten strenge Vorgaben. Im Sinne des Gesundheitsschutzes müssen das geschulte Verkaufspersonal für die Risiken sensibilisiert und die Qualität der Produkte mit nur begrenztem THC-Gehalt kontrolliert werden. Es gelten ein generelles Werbeverbot und die Vorgabe von kindersicheren Verpackungen. Erste Projekte sollten im Jahr 2022 starten und dazu beitragen, ein besseres Verständnis über die Auswirkungen verschiedener Cannabis­regulierungen zu entwickeln.

Linkzur LiteraturrechercheRevue de littérature sur l'impact de la légalisation du cannabis aux Etats-Unis, au Canada et en Uruguay. Bericht in Französisch mit Zusammenfassung in Deutsch.

Sucht Schweiz ist ein nationales Kompetenzzentrum im Suchtbereich. Sie betreibt Forschung, konzipiert Präventionsprojekte und engagiert sich in der Gesundheitspolitik. Das Ziel ist, Probleme zu verhüten oder zu vermindern, die aus dem Konsum von Alkohol und anderen psychoaktiven Substanzen hervorgehen oder durch Glücksspiel und Internetnutzung entstehen. Mehr Informationen: www.suchtschweiz.ch

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