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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Hajo Schumacher rügt die Empörungsrituale der Deutschen in der Abhör-Affäre

Berlin (ots)

Vergessen wir für einen Moment unsere Empörungsrituale und machen uns ehrlich. Versetzen wir uns in einen Mitarbeiter der NSA im Betonbunker, der Zugang zu allen Handy-Verbindungen Europas hat. Offiziell geht es um die Jagd auf al-Qaida. Aber die Verlockung ist groß, auch mal woanders zu horchen: bei Politikern, bei Promis, bei Chefredakteuren, die mit Snowden reden, oder dem eigenen Partner, der einige Lücken im Tagesablauf aufweist. Denken wir einen Schritt weiter: Eine paranoide Regierung sieht sich im Kampf gegen das Böse von der Welt im Stich gelassen. Warum nicht mal hören, auf wen wirklich Verlass ist? Außerdem schwächelt die Wirtschaft. Ein Blick ins Innerste europäischer Forschungsabteilungen kann nicht schaden. Und nebenbei mal hören, welche Fusionen die Deutschen in den USA so planen, etwa beim Mobilfunk. Denken wir noch weiter: Soziale Netzwerke wie Facebook oder Google bieten einen unermesslichen Datenschatz, zudem Know-how bei angenehm undurchsichtigen Strukturen. Ist es völlig abwegig, dass es einen ungeschriebenen Deal zwischen Weißem Haus und den Hexenmeistern des Silicon Valley gibt, wonach die Politik für ungestörtes globales Wachstum sorgt, was die Digitalkonzerne mit freundlicher Kooperation auf allen Ebenen danken? Die Nerds von NSA und Digitalkonzernen dürften schließlich ähnlich ticken, auch in ihrem elitären Bewusstsein. "Let's face it", sagen die Amerikaner, zu Deutsch: Seien wir doch mal ehrlich. Empörte deutsche Innenminister oder skandalbeendende Kanzleramtsminister sind ebenso naiv wie eine Kanzlerin, die sich aufregt. In Wirklichkeit haben die US-Schlapphüte nur ein Problem: dass sie sich haben erwischen lassen. Deswegen sind sie ja so sauer auf den Enthüller Snowden. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beziehen die Vereinigten Staaten einen Gutteil ihrer bemerkenswerten Motivation aus dem Gefühl, im Krieg zu sein: früher gegen die Sowjetunion, dann gegen Saddam Hussein, nun gegen den Terrorismus. Permanente Bedrohungsszenarien treiben das Wettkampfland Vereinigte Staaten zu immer neuer Kreativität und maximaler Gnadenlosigkeit. Geheimdienste stehen im Range von Nationalmannschaften, und nur die aggressivsten und skrupellosesten gewinnen. Die Kuscheldeutschen gehören bestimmt nicht dazu, denn sie wissen gar nicht, wer sie sind und was sie sollen. Spielen wir aus nationalem Interesse das schmutzige Spiel der internationalen Abhörerei mit, dann aber richtig, oder halten wir uns raus, weil man so was nicht tut? Für beide Wege gibt es Gründe, einen dritten Pfad aber gibt es nicht. Schnüffeln ja, aber nach Waldorfschul-Regeln, das ist ein Widerspruch wie Privatfernsehen ohne Pocher/Becker oder wohlfeiles Flüchtlingsmitleid, ohne den Menschen von Lampedusa Asylplätze anzubieten. Während Amerika sich zunehmend in Paranoia verstrickt, taumeln wir Deutschen durch eine rosa Wunschwelt, in der das Ethos des schlanken Fußes regiert. Manchmal sind unangenehme Entscheidungen zu treffen, wie im richtigen Leben auch. Naivität, Scheinheiligkeit und Doppelmoral sind die billigste Lösung.

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