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Cornelius Koch, abbé

Die alternative 1.-Augustfeier für Flüchtlinge und Sans-Papiers ist abgesagt

La Plaine (ots)

Dreizehn Jahre lang feierten wir den "anderen
1.August" zusammen mit den an der Schweizer Grenze abgewiesenen
Flüchtlingen im Grenzraum Como-Ponte-Chiasso - letztes Jahr in der
Kanalisation von Como, der "Hölle von Cosia", die vielen obdachlosen
Abgewiesenen als Unterschlupf dient. Diese "ausgewiesene
1.August-Feier" (Max Frisch) wurde immer von verschiedensten
Persönlichkeiten unterstützt: Dimitri, Mario Botta, Friedrich
Dürrenmatt, Max Frisch, Jean Ziegler und vielen anderen. Mit dieser
Feier haben wir jeweils das harte Los der abgewiesenen Flüchtlinge
öffentlich gemacht - in der Hoffnung, die offizielle Schweiz würde zu
einer menschlicheren Flüchtlingspolitik finden. Das Gegenteil ist der
Fall: Die Flüchtlings- und Ausländerpolitik ist immer härter und
brutaler geworden. Während der Frühjahrssession des Nationalrates im
Tessin organisierten wir eine Delegation mit 14 ParlamentarierInnen
aus fast allen Parteien in die Auffanglager in Norditalien. Am Tag
zuvor war eine Frau aus Sarajewo, im 9.Monat schwanger, an der
Schweizer Grenze zurückgewiesen worden. Unsere Parlamentarier sahen
die völlig verzweifelte Frau im Auffanglager bei Como und waren
erschüttert. Kurze Zeit später verliess die Frau das Lager und wird
bis heute vermisst...
Wir sagen dieses Jahr die andere 1.-Augustfeier ab - aus Ekel über
die wachsende Brutalität der Schweizer Behörden gegenüber den
Flüchtlingen und Einwanderern. Es gibt keinen Grund zum Feiern.
Der Bundesrat toleriert sogar die moderne Sklaverei, der Tausende
von illegalisierten Menschen in der Schweiz unterworfen sind. Diese
Ausländer ohne Status, die sogenannten Sans-Papiers, leben oft seit
Jahren in der Schweiz, sind meist legal eingereist und haben erst
durch die immer härtere Ausländerpolitik des Bundesrates ihren Status
verloren. Nach Schätzungen gibt es bis zu 300.000 Sans-Papiers in
unserem Land. Sie haben keine Rechte, keine Stimme und leben
permanent in der Angst vor Verhaftung und Ausschaffung. Sie werden
gebraucht und missbraucht als billige Arbeitskräfte. Sie sind die
unterbezahlten "Mädchen für alles" im Gastgewerbe, in der Hotellerie,
in der Landwirtschaft und in privaten Haushalten. Ganze
Wirtschaftszweige würden ohne diese neuen Sklaven zusammenbrechen.
Die ersten Kirchenasyle für die Sans-Papiers in Lausanne und in
Fribourg verlangen eine kollektive Regularisierung und sind ein
verzweifelter Appell an unser Gewissen. Inzwischen stossen sie mit
ihrem Anliegen in breiten Kreisen auf Verständnis. Doch der Bundesrat
bleibt stur und herzlos. Es kommt ihm wohl gelegen, wie einem Teil
der Wirtschaft, dass es eine grosse Zahl von billigsten, rechtlosen
und illegalisierten Arbeitskräften gibt. In vielen europäischen
Ländern haben die Regierungen kollektive Regularisierungen
durchgeführt. Warum nicht in der Schweiz? Sogar der erzkonservative
amerikanische Präsident Bush setzt sich für die Regularisierung von
drei Millionen Sans-Papiers aus Mexiko ein!
Wir fordern vom Bundesrat die kollektive Regularisierung aller
Sans-Papiers! Wir fordern alle Volksvertreter auf, sich in diesem
Sinne einzusetzen! Eine Postkartenaktion an die Parlamentarier ist in
vollem Gange. Über 5000 Bürgerinnen und Bürger haben bereits an ihre
Vertreter geschrieben, auch viele an den Bundesrat. Wir fordern alle
Schweizerinnen und Schweizer auf, sich mit den Sans-Papiers zu
solidarisieren. Denn sie leben mitten unter uns!
Die brutale Ausschaffungspolitik des Bundesrates und der Behörden
hat dieses Jahr bereits ein Todesopfer gefordert. Schweizer
Polizisten töteten den Flüchtling Samson Chukwu bei der Ausschaffung.
Dies ist das zweite Todesopfer nach Khaled Abuzarifa innerhalb von
zwei Jahren. Beide Flüchtlinge sind erwiesenermassen erstickt worden.
Wir fordern nicht nur, dass die Ärzte, deren Mitwirkung bei
Ausschaffungen flagrant gegen den Eid des Hypokrates verstösst, und
die Polizisten für Mord oder Totschlag zur Rechenschaft gezogen
werden, sondern auch die Schreibtischtäter auf allen politischen
Ebenen.
   Wir fordern einen generellen Ausschaffungsstop! Wieviel Tote muss
es noch geben, bis in diesem "verluderten Staat" (Max Frisch) ein
Umdenken zu mehr Menschlichkeit stattfindet?

Kontakt:

Schweizer Empfangsbüro für Flüchtlinge, Como-Ponte Chiasso
Cornelius Koch, Kaplan
4, chemin du Rail
1283 La Plaine
Tel. +41 22 754 11 05
Tel. +41 79 446 13 41