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Discours Suisse - Geschichtsunterricht an Schweizer Schulen in der Krise
Wildwuchs beim Lernstoff - Unterschätzte Bedeutung

Bern (sda/ots) -

Die Schweizer Geschichte hat als
Schulfach in den letzten Jahren an Bedeutung verloren. In allen
Landesregionen fehlt zudem eine einheitliche Linie beim Lernstoff.
Deutschschweizer Lehrer sehen den Geschichtsunterricht gar in der
Krise.
Welches Geschichtsbild wird den Schülerinnen und Schülern heute
vermittelt? Ein Blick in den Schulalltag offenbart in allen
Landesteilen erhebliche Probleme.
Didaktisches Konfetti in der Deutschschweiz
Nicht nur gehört Geschichte bei den Schülern zu den unbeliebtesten
Unterrichtsfächern. Die Schweizer Zöglinge sehen gemäss diversen
Studien auch kaum einen Nutzen, den sie aus diesem Fach ziehen
könnten. In keinem europäischen Land ist der nationale
Geschichtsunterrricht so wenig präsent wie in der Schweiz.
"Der Geschichtsunterricht steckt in der Krise", ist Pierre Felder,
Leiter Ressort Schulen im Erziehungsdepartment des Kantons
Basel-Stadt, überzeugt. Seit den siebziger Jahren habe sich der
Lernstoff im Fach Geschichte grundlegend verändert.
Während früher der Geschichtsunterricht einen chronologischen,
linearen Aufbau hatte und die europäische Geschichte im Vordergrund
stand, werde heute ein didaktisches Konfetti angeboten - postmodern,
willkürlich in der Themenauswahl und ein Mix aus Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte.
In den Lehrplänen suche man vergeblich eine klare Linie für alle
Schulen, geschweige denn gemeinsame Ziele. Die einzige Konstante sei
der Verzicht auf den chronologischen Aufbau. Das sei nicht weiter
tragisch. Würden die Themen jedoch nicht zueinander in Beziehung
gesetzt, fehle das grundlegende Geschichtsverständnis.
Konflikte in der Westschweiz ausgeklammert
Auch in der Westschweiz klagen die Lehrer darüber, dass es keine
einheitlichen Richtlinien für den Geschichtsunterricht gibt.
Christian Berger, Generalsekretär der Interkantonalen Konferenz der
öffentlichen Schulen der Romandie und des Tessins, setzt seine
Hoffnungen in die Harmonisierung der Schulen (HarmoS-Konkordat).
Noch immer gepflegt werden in den Westschweizer Schulen die
nationalen Mythen, wie Simone Forster, Mitarbeiterin am Institut für
Pädagogik-Forschung und Dokumentation in Neuenburg, sagte. Dabei
liege die Betonung auf Themen, die die Einheit der Schweiz
symbolisierten und Identität stifteten. Konflikte würden dagegen eher
ausgeklammert.
Andere wie der Geschichtslehrer Dominique Dirlewanger aus Yverdon
lassen die nationalen Mythen ruhen. Sie wollen ihren Schülern ein
modernes Geschichtsbild vermitteln. Dazu gehören Themen wie der
Bergier-Bericht über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, die
Neutralität oder die direkte Demokratie.
In allen Landesteilen beklagen die Geschichtslehrer an den
Mittelschulen, dass ihr Unterrichtsfach im Stundenplan an Bedeutung
verloren hat. Bei ein bis drei Geschichtstunden pro Woche lasse sich
die Schweizer Geschichte kaum vertieft vermitteln.
Winkelried im Tessin nur eine Fussnote
Mit Film- und Tonbeiträgen versuchen die Lehrer im Tessin, die
Schüler für die Schweizer Geschichte zu begeistern. Die im Oktober
2003 gegründete Tessiner Vereinigung der Geschichtslehrer (ATIS) hat
sich der Selbsthilfe verschrieben. Sie tauscht multimediale
Unterichtsmitteln aus. Viele Lehrer setzen zudem auf moderne
Lehrmittel aus Italien.
Nur Randnotizen sind im Geschichtsunterricht an den Tessiner
Schulen der Rütli-Schwur, die Schlacht von Morgarten oder der
Opferwille eines Winkelried. Die Entstehung der Schweiz wird vielmehr
in einen weiträumigen Kontext gestellt.
Die Stadtgründungen, der aufkommende Handel und die Entstehung der
Kommunikationswege über die Alpen sind im Zentrum. Die Gründung der
Schweiz 1291 wird in diesem Zusammenhang gesehen. Der Zusammenschluss
der drei Urkantone wird als Versuch interpretiert, die Handelsroute
über den Gotthard unter Kontrolle zu bringen.
Auf die Frage, welches Geschichtsbild von der Schweiz ein Tessiner
Jugendlicher nach dem Ende der obligatorischen Schule habe, antwortet
ATIS-Präsident Maurizio Binaghi mit einer Gegenfrage: "Die Frage ist,
wieviel von dem vermittelten Stoff beim Schüler hängen geblieben
ist."

Kontakt:

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c/o FORUM HELVETICUM
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5600 Lenzbourg 1
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