Medienmitteilung
pafl: PISA 2003: Analysen und Porträts für Deutschschweizer Kantone und
das Fürstentum Liechtenstein
2005-12-07T11:13:35
(ots) - Vaduz, 7. Dezember (pafl) - Im Nachgang zur nationalen
Berichterstattung PISA 2003 haben die Kantone Aargau, Bern, St.
Gallen, Thurgau, Wallis, Zürich und das Fürstentum Liechtenstein
Zusatzanalysen in Auftrag gegeben. Besonderes Augenmerk galt der
Frage, welches die Gründe für die insgesamt als eher gering
einzuschätzenden Leistungsunterschiede zwischen den untersuchten
Bildungssystemen sind. Es zeigt sich, dass grosse soziale
Unterschiede, verknüpft mit beträchtlicher kultureller
Heterogenität, aber auch Faktoren wie Unterrichtsdauer oder das
Alter der Jugendlichen, einen Einfluss auf die Schulleistungen der
einzelnen Kantone und des Fürstentums Liechtenstein haben. Leistungsstand in Mathematik Die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler des Kantons Bern
(deutschsprachiger Teil) liegen in der Mathematik etwas unter dem
gesamtschweizerischen Durchschnitt. Die Leistungen des Kantons
Zürich und des Fürstentums Liechtenstein unterscheiden sich nicht
vom Schweizer Durchschnitt, jene der Kantone Aargau, Thurgau, St.
Gallen und Wallis (deutschsprachiger Teil) sind leicht besser als
dieser Durchschnitt. Im internationalen Vergleich schneiden die deutschschweizerischen
Schülerinnen und Schüler im Mathematikbereich Raum und Form am
besten ab, in den Bereichen Quantitatives Denken sowie Veränderung
und Beziehungen etwas schlechter und im Bereich
Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik am schlechtesten. Kantone,
die in Mathematik insgesamt gut abschneiden, haben auch in allen
vier Unterbereichen gute Resultate. Kantone mit einem tieferen
Gesamtwert in Mathematik weisen auch in allen vier
Mathematikbereichen tiefere Leistungen auf. Heterogenität eine Herausforderung für Schule und Gesellschaft Die Heterogenität der Schülerschaft vermag die kantonalen
Leistungsunterschiede in Mathematik teilweise zu erklären. Je
grösser in einem Kanton der Anteil Jugendlicher mit
Migrationshintergrund ist und je tiefer der sozioökonomische Status
dieser Jugendlichen ist, desto grösser sind im Kanton die
Leistungsunterschiede zwischen den einheimischen Schülerinnen und
Schülern und solchen mit Migrationshintergrund. Dies führt letztlich
zu tieferen Mathematikleistungen in Kantonen mit hoher sozialer und
kultureller Heterogenität. Besonders gefordert durch die Heterogenität ist der Kanton Zürich
und in etwas geringerem Ausmass der Kanton Aargau und das Fürstentum
Liechtenstein. In diesen drei Bildungssystemen sind aus diesem Grund
in Mathematik die Leistungsunterschiede zwischen den Schülerinnen
und Schülern gross. In Bern und vor allem im Wallis ist die
Heterogenität der Schülerinnen und Schüler vergleichsweise klein.
Trotz eines eher hohen Anteils an Schülerinnen und Schülern mit
Migrationshintergrund steht der Kanton St. Gallen im PISA-Vergleich
an der Spitze. Die Belastung durch die Heterogenität ist in St.
Gallen allerdings nicht ganz so hoch wie in Zürich. Der Kanton
Thurgau fällt am wenigsten auf. Die Heterogenität der Schülerschaft
ist dort etwas geringer. Separative und integrative Schulmodelle im Vergleich Auf der Sekundarstufe I finden sich zwei Schulmodelle. Im
separativen Modell werden die Schülerinnen und Schüler gemäss ihrer
Leistungen in Klassen mit meist drei unterschiedlichen
Anspruchsniveaus eingeteilt, wobei der Unterricht praktisch
ausschliesslich in diesen Klassen stattfindet. Beim integrativen
Modell werden die Jugendlichen oft gemäss ihrer Leistung in Klassen
mit zwei unterschiedlichen Anspruchsniveaus eingeteilt. Im Gegensatz
zum separativen Modell findet aber in Kernfächern wie Mathematik
oder Deutsch der Unterricht in Niveaugruppen statt, die von
leistungsmässig gleich starken Schülerinnen und Schülern aus
verschiedenen Klassen besucht werden. Integrativ an diesem Modell
ist, dass Schülerinnen und Schüler in Kernfächern
klassenübergreifend unterrichtet werden und sie gemäss ihrem
Leistungsstand flexibel den unterschiedlichen Niveaugruppen
zugeteilt werden können. Der Vergleich der Leistungen in separativen und integrativen
Schulmodellen ergibt, dass die Schülerinnen und Schüler etwa gleich
gute Resultate erzielen, dass das integrative Modell Schülerinnen
und Schüler aus sozial benachteiligten Familienverhältnissen aber
besser fördern kann. Erschwerte Lernbedingungen im Schultyp mit Grundansprüchen Mehrheitlich nach sechs Jahren Primarschule reagiert das
schweizerische Schulsystem auf die Leistungsheterogenität durch die
Einteilung der Schülerinnen und Schüler in unterschiedlich
anspruchsvolle Schultypen. Schulen mit Grundansprüchen (vielfach
Realschule genannt) werden von einem stetig abnehmenden Anteil der
gesamten Schülerpopulation besucht. Die Klassen werden deshalb in
Bezug auf die Leistungen, aber auch in Bezug auf die soziale und
kulturelle Herkunft der Schülerinnen und Schüler je länger je
homogener. Homogene Lerngruppen werden dann zu einem Problem
bezüglich des Erzielens guter Leistungen, wenn sich die Lerngruppen
nur noch aus leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern
zusammensetzen. Auch die vergleichsweise kleinen Klassen im Schultyp
mit Grundansprüchen können die Nachteile erschwerter Lernbedingungen
nicht ausgleichen. Verspäteter Schuleintritt Verspätete Einschulungen und Verzögerungen der individuellen
Schullaufbahnen führen dazu, dass Schülerinnen und Schüler in der
neunten Klasse älter sind, als dies auf Grund des gesetzlich
vorgesehenen Schuleintrittsalters zu erwarten wäre. In Bern, Zürich
und dem Fürstentum Liechtenstein sind etwas mehr als ein Drittel der
Schülerinnen und Schüler in der neunten Klasse mindestens ein Jahr
älter als erwartet, im Aargau und Thurgau sind es rund 40 Prozent,
in St. Gallen rund zwei Drittel und im Wallis nahezu vier Fünftel. Kantone mit hohem Durchschnittsalter in der neunten Klasse
erzielen bessere Leistungen in PISA. Das höhere Alter der
Schülerinnen und Schüler zum Testzeitpunkt hat zu den guten
Leistungen der Kantone St. Gallen, Aargau, Thurgau und Wallis
beigetragen. Dies liegt daran, dass älteren Jugendlichen mehr Zeit
für die Entwicklung ihrer intellektuellen Fähigkeiten zur Verfügung
stand. Allerdings zeigt der Vergleich mit dem französischsprachigen
Wallis, dass auch mit einem tieferen Einschulungsalter gute
Leistungen erzielt werden können. Unterschiedliche Unterrichtsdauer in Mathematik Dass sich die Unterrichtsdauer im Fach Mathematik zwischen den
Kantonen beträchtlich unterscheidet, wird bei der Interpretation der
Ergebnisse von PISA kaum beachtet. Die Schülerinnen und Schüler in
Bern setzen sich bis ans Ende der obligatorischen Schulzeit während
weniger als 1200 Stunden mit Mathematik auseinander, im Thurgau
sind es mit knapp 1500 Unterrichtsstunden 25 Prozent mehr. Die
Analysen zeigen, dass Kantone mit einem grösseren Umfang an
Mathematikunterricht höhere Mathematikleistungen erzielen. Schulische Lernbedingungen und Schulautonomie Die Schulleitungen und die Jugendlichen der untersuchten
Deutschschweizer Kantone und des Fürstentums Liechtenstein werten
die schulischen und unterrichtlichen Lernbedingungen im
internationalen Vergleich mehrheitlich positiv. Zwischen den
Kantonen und dem Fürstentum bestehen aber beträchtliche
Unterschiede. Im Thurgau und mit Einschränkungen in Zürich sind die
Einschätzungen fast durchgängig positiv. Der Kanton Thurgau fällt
auf durch einen hohen Wert in der Lehrerpartizipation. Im Kanton
Zürich wird vor allem das Schulklima sehr positiv beurteilt. Über
Defizite wird hauptsächlich im Wallis geklagt. Insbesondere das
Schulklima, aber auch die personellen und materiellen Ressourcen
sowie Schulautonomie und Lehrerpartizipation werden vergleichsweise
tief eingeschätzt. In den Schulen des Fürstentums sind die
Mitbestimmungsmöglichkeiten der Lehrpersonen kleiner, hingegen ist
die Autonomie der Schulen deutlich weiter fortgeschritten als in der
Deutschschweiz. In Klassen mit Grundansprüchen berichten die
Jugendlichen häufiger über Unterrichtsstörungen, die sich gemäss den
Analysen negativ auf die Mathematikleistungen auswirken. Der Bericht PISA 2003: Analysen und Porträts für
Deutschschweizer Kantone und das Fürstentum Liechtenstein.
Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse. kann zum Preis von 15
Franken (+ Porto/Versand) bezogen werden bei der Kantonalen
Drucksachen- und Materialzentrale, Räffelstrasse 32, Postfach, 8090
Zürich (Tel. 043 259 99 99) oder ist als elektronisches Dokument
unter www.bi.zh.ch / Downloads & Publikationen /
Schulleistungsstudien erhältlich. Zudem besteht ein vertiefender
Bericht (PISA 2003: Analysen für Deutschschweizer Kantone und das
Fürstentum Liechtenstein. Detaillierte Ergebnisse und methodisches
Vorgehen.), der über die gleichen Stellen bezogen werden kann. Auskunftspersonen:
Kantone Aargau und Zürich: Urs Moser, Kompetenzzentrum für
Bildungsevaluation und Leistungsmessung an der Universität Zürich,
Wilfriedstrasse 15, 8032 Zürich, Tel. 043 268 39 61 Kanton Bern: Robert Furrer, Generalsekretär der Erziehungsdirektion,
Sulgeneckstr. 70, 3005 Bern, Tel 031 633 84 35 Kanton St. Gallen: Rolf Rimensberger, Leiter Unterricht im Amt für
Volksschule, Davidstrasse 31, 9001 St. Gallen. Tel. 071 229 32 23 Kanton Thurgau: Agnes Weber, Leitung Schulentwicklung und
Bildungsplanung, Departement für Erziehung und Kultur, 8510
Frauenfeld. Tel. 052 724 25 51 Kanton Wallis: Antoine Mudry, Verantwortlicher für Forschung und
Bildungssysteme, Dienststelle für tertiäre Bildung, Departement für
Erziehung, Kultur und Sport, Rue de Conthey 19, 1951 Sitten, Tel.
027 606 41 68 Fürstentum Liechtenstein: Christian Weidkuhn, Pädagogische
Arbeitsstelle, Schulamt Vaduz, 9490 Vaduz, Tel. 00423 236 67 68
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