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Fast zu spät für Anstand/ Ein Kommentar von Raik Hannemann

Berlin (ots) - Zuspruch gab es unerwartet reichlich und aus allen Ecken, als Uli Hoeneß den Verzicht auf eine Revision erklärte. Selbst die Kanzlerin fühlte sich bemüßigt, ihrem früheren Berater Respekt zu zollen für die Entscheidung, auf weitere Rechtsmittel zu verzichten. Aber steht sie damit nicht etwas zu nah bei den Unverbesserlichen, die Hoeneß sogar beim Verlassen des Gerichtssaals noch applaudierten?

Dass jemand nach dem "Fehler seines Lebens" zu Anstand und Moral zurückkehrt, ist genau der Sinn einer jeden Verurteilung, das sollte niemand verklären. Lobenswert Anstand beweisen können, hätte Hoeneß dagegen schon früher, mit der weniger kurzfristigen Abgabe von über 50.000 Seiten Unterlagen zum Beispiel oder einem Verzicht auf Stadionbesuche rund um den Prozess.

Niemand sollte vergessen: Im Falle einer Revision würde der Fall möglicherweise erneut aufgerollt werden - Hoeneß müsste befürchten, dass weitere unangenehme Details ans Licht kämen, die auch das Image "seines" FC Bayern noch schlimmer schädigen können. Woher so manche Summe auf Hoeneß' Konten stammt, ist längst nicht öffentlich. Und soll es offenbar auch nicht werden.

Da der landesweit bekannte Strafverteidiger Gerhard Strate ("In Bayern gibt es bei diesen Hinterziehungssummen in der Regel eine Freiheitsstrafe zwischen acht bis zehn Jahren") von einem milden Urteil spricht und wegen der gelassenen Reaktion des Hoeneß-Verteidigers auf die drastisch gestiegene Hinterziehungssumme sogar "informelle Absprachen" vermutet, kommt man ins Grübeln. Fast wünscht man sich, dass die Staatsanwälte bis Donnerstag selbst noch Revision fordern. Aber nach dem lauten Beifall für Hoeneß' Verzicht ist das wohl nicht mehr zu erwarten.

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