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Leitartikel: Mehr Ärzte in die Problemkieze; Jochim Stoltenberg zur Planung einer gleichmäßigen medizinischen Versorgung in Berlin

Berlin (ots) - Es ist mehr eine Vorsorgemaßnahme denn ein Noteingriff. Eine wirkliche medizinische Unterversorgung gibt es in keinem der zwölf Berliner Bezirke. Das betrifft sowohl das Angebot der Haus- als auch das der Facharztpraxen. Insofern werden ambulante Patienten in der Hauptstadt sehr viel besser betreut als Menschen auf dem Lande, wo sich etwa in brandenburgischen Kleinstädten lange Schlangen bilden, wenn sich dort endlich mal ein Facharzt niederlässt. Dennoch hat auch Berlin ein Problem. Allerdings ein vergleichsweise kleines. Es besteht darin, dass die Dichte der Arztpraxen aller Fachrichtungen in den einzelnen Bezirken sehr unterschiedlich ist. Dass sich Gesundheitssenator Mario Czaja zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) und den Krankenkassen auf eine gleichmäßigere Verteilung der medizinischen Betreuung vor Ort verständigt hat, ist löblich. Allerdings läuft ihre Einigung auf ein Langfristprogramm hinaus. Eine bessere Verteilung, und damit Arztbesuche der kürzeren Wege, wird nach der gemeinsamen Vereinbarung vor allem durch den freiwilligen Umzug eines Arztes von einem Bezirk mit sehr vielen Praxen in einen mit weniger möglich. Das sollen pro Jahr maximal 80 Mediziner sein. Lange hatten sich KV und Krankenkassen gegen diese weitere staatliche Einmischung in den Gesundheitsbereich gewehrt. Es spricht für Czajas Durchsetzungskraft, dass er mit dem notwendigen Druck mittels des "Versorgungsstrukturgesetzes" die Verbandsfunktionäre wenn schon nicht überzeugen, so zumindest überreden konnte. Als erstes Land beruft sich Berlin auf dieses Bundesgesetz und sendet damit zugleich ein Signal an Länder mit weitaus größeren Problemen. Zudem argumentierte Czaja mit "Sozialindikatoren", die bei der Verteilung der Praxen zu berücksichtigen sind. Die Indikatoren sollen dafür sorgen, dass sich in sozial schwierigen Bezirken mehr Ärzte niederlassen, um die Versorgung der Menschen wohnungsnah sicherzustellen und überlange Wartezeiten zu vermeiden. Ein vernünftiger Ansatz. In Berlin gibt es insgesamt 400 Hausärzte mehr als nötig. Nach dem hippokratischen Selbstverständnis sollten Ärzte aller Fachrichtungen sich doch wohl vorrangig dort niederlassen, wo sie gebraucht werden und nicht dort, wo sie dank Privatpatienten am meisten verdienen. Es spricht weder für die KV noch für die Kassen, dass diese Einsicht erst mal wieder durch politischen Druck befördert werden musste.

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