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Wir brauchen mehr Zuwanderung Dorothea Siems über den demografischen Wandel und den Engpass bei Arbeitskräften

Berlin (ots) - Innerhalb der schwarz-gelben Koalition hat die CSU bislang beim Thema Zuwanderung stets gebremst. Jetzt aber räumt selbst CSU-Chef Horst Seehofer ein, dass Deutschland angesichts des Fachkräftemangels dringend kluge Köpfe aus dem Ausland benötigt. Denn nicht nur bei der Deutschen Bahn fehlt Personal. Viele Unternehmen, selbst in Bayern, können etliche freie Stellen nicht mehr besetzen. Und dies ist nur der Anfang. In den kommenden Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand. Dann werden personelle Engpässe nicht mehr bloß in einigen Branchen und Regionen, sondern flächendeckend auftreten. Angesichts der Dimension des Problems reicht es keineswegs, junge Leute aus den europäischen Krisenländern für Deutschland zu begeistern. Derzeit kommen zwar junge Spanier und Griechen. Auch viele Osteuropäer locken die Chancen der florierenden Wirtschaft. Doch in allen diesen Herkunftsländern sieht die demografische Lage nicht wesentlich anders aus als in Deutschland. Ganz Europa altert. Länder wie Italien oder Polen ergrauen nur ein paar Jahre später, weil der Absturz der Geburtenraten dort zeitversetzt erfolgte. Wenn sich die südeuropäischen Staaten wirtschaftlich wieder erholt haben, dürften viele Menschen, die in den vergangenen Jahren zu uns gekommen sind, dorthin zurückkehren. Zuwanderung wird deshalb nur dann dauerhaft den Fachkräftemangel lindern, wenn sie verstärkt aus fernen Regionen erfolgt. Die Bevölkerung von Asien, Afrika und Lateinamerika wächst auch in den kommenden Dekaden noch kräftig. Doch bislang tut Deutschland wenig, um in diesen Teilen der Welt qualifizierte Arbeitskräfte anzuwerben. Während die Kanadier und Australier in bevölkerungsreichen Ländern wie Indien, Bangladesch oder China systematisch Werbung für ihr Land machen, glaubt man hierzulande, es genüge, die gesetzlichen Regelungen für Zuwanderer zu lockern, und schon rennen uns alle die Türen ein. Tatsächlich jedoch ist vor allem die deutsche Sprache eine gewaltige Hürde. Englischsprachige Länder sind hier im Vorteil. Überdies hängt Deutschland noch immer der Ruf an, Ausländer nicht willkommen zu heißen. Dies zu ändern erfordert einen langen Atem. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass eine große Zahl an Zuwanderern der Gesellschaft einiges abverlangt. Je fremder die Kulturen sind, aus denen die Migranten kommen, desto mehr Integrationshilfen sind nötig, damit das Zusammenleben reibungslos verläuft. Und je besser die Zuwanderung mit Blick auf den Arbeitsmarkt gesteuert wird, desto größer ist die Chance, dass die hiesige Bevölkerung die Migranten als Bereicherung wahrnimmt. Was dagegen passiert, wenn die Politik meint, Integration sei ein Selbstläufer, lehren die Fehler der Vergangenheit. Gerade in Berlin hapert es oft noch in der dritten Generation mit der Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Eine Erfolgsgeschichte ist Zuwanderung nur, wenn das Prinzip "Fordern und Fördern" konsequent umgesetzt wird.

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