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Die Stunde des Militärs Jacques Schuster über den Umsturz in Ägypten und die Perspektiven für das Land

Berlin (ots) - Was für eine Nacht. Fast scheint es, als hätte sich wiederholt, was vor zwei Jahren schon einmal zu beobachten war: Das Volk fegt seinen Präsidenten aus dem Amt. "Husni Mursi", hatte die aufgebrachte Menge auf dem Kairoer Tahrir-Platz gerufen. Damit zog sie die Verbindung zu seinem Vorgänger, dem Autokraten Husni Mubarak, der ebenfalls von den Ägyptern gestürzt worden war. Der erneute Fall eines Staatsoberhauptes wird das Selbstbewusstsein der Ägypter stärken. Vielleicht wird das Land doch noch irgendwann eine Demokratie. Doch gemach. Am Sturz des Muslimbruders Mursi war das ägyptische Militär beteiligt. Ohne das Ultimatum der Armee stünde Mohammed Mursi auch heute noch an der Spitze des Staates. Manche Beobachter sprechen bereits von einem Putsch. Sie liegen nicht ganz falsch und nicht ganz richtig. Nicht ganz falsch ist es, weil die Armee den demokratisch gewählten Präsidenten unter Arrest gestellt hat und gegen die Anhänger seiner Bewegung vorgeht. Nicht ganz richtig, weil das Militär nicht sämtliche Hebel der Macht ergriffen hat. Die Heeresleitung unter General Abdel Fattah al-Sisi scheint nicht daran interessiert zu sein, eine Junta zu bilden und fortan die Geschicke des Landes an vorderster Stelle zu bestimmen. Sie will Stabilität, Berechenbarkeit und Ordnung. Der Westen kann dies nur begrüßen und hoffen, dass die Armee der türkischen unter Atatürk gleicht, sprich: das Land modernisiert und in einen Rechtsstaat verwandelt. Ob es tatsächlich so kommt, lässt sich zur Stunde nicht sagen. Die Geschichte der ägyptischen Armee ist alles andere als makellos. Wer deswegen geneigt ist, ihre jüngsten Schritte zu verurteilen, der bedenke, aus welchem Grund das Militär eingriff: Es war das Versagen der Politik, die Geschicke des Landes mit Blick auf das Gemeinwohl zu bestimmen. Wie es weitergeht, ist offen. Wird es zum Bürgerkrieg wie in Algerien Anfang der 90er-Jahre kommen, als die algerische Armee gegen die Islamisten vorging und 150.000 Menschen starben? Eine verlässliche Antwort lässt sich zur Stunde nicht geben. Die ersten Schritte der Kairoer Generäle deuten nicht darauf hin, dass es am Nil darauf hinauslaufen könnte. Auch die Muslimbrüder scheinen vor dem Äußersten zurückzuschrecken. Viele von ihnen sind von der katastrophalen Amtsführung ihres Präsidenten genauso abgestoßen wie die liberalen Kräfte des Landes. Die Salafisten wiederum standen Mursi seit eh und je kritisch gegenüber. Das Schlimmste könnte also ausbleiben. Dennoch sollte sich keiner täuschen. Ägypten steckt in der größten Wirtschaftskrise seit Ende der Monarchie. Fast 50 Prozent der Ägypter leben in Armut. Allein 1500 Fabriken schlossen in den vergangenen zwei Jahren. Die Zahl der Raubüberfälle nahm innerhalb eines Jahres um 350 Prozent zu. Mohammed Mursi scheiterte, weil er die Not des Landes nicht mildern konnte. Werden es die neuen Machthaber besser machen? Man kann es nur hoffen.

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