BERLINER MORGENPOST

Stellvertreterkriege mit Rolf Hochhuth
Leitartikel von Stefan Kirschner

Berlin (ots) - Der Konflikt zwischen dem Dramatiker Rolf Hochhuth und dem Theaterleiter Claus Peymann erinnert an einen Vulkan: Unter der Oberfläche brodelt es permanent, es gibt längere, trügerische Ruhephasen, plötzlich kommt es zum Ausbruch. Meistens im Sommer. Mit einer fristlosen Kündigung hat Rolf Hochhuth diesmal seinen Anspruch auf das Berliner Ensemble (BE) angemeldet - also eines der wichtigsten Kulturinstitutionen Berlins mit internationaler Strahlkraft. Das Theater gehört der von Hochhuth gegründeten Ilse-Holzapfel-Stiftung. Die Stiftung hat die Theater-Immobilie ans Land Berlin vermietet, BE-Intendant Claus Peymann ist der Untermieter. Die Miete liegt bei 214.000 Euro pro Jahr, ein Schnäppchen für diese Lage, auch das nervt Hochhuth immer wieder, obwohl er doch an den entsprechenden Verhandlungen beteiligt war. Rolf Hochhuth, mittlerweile 82 Jahre alt, hat mit seinem "Stellvertreter" Theatergeschichte geschrieben. Das Stück beschäftigt sich mit der Rolle von Papst Pius XII. im Holocaust und sorgte bei seiner Uraufführung vor 50 Jahren für heftige Diskussionen und Reaktionen. Der katholischen Kirche war das Werk lange ein Dorn im Auge, aber seit die Hexenverbrennung abgeschafft wurde, sind die Möglichkeiten der Kirche beschränkter. An den Erfolg des "Stellvertreter" konnte Hochhuth nicht mehr anknüpfen, seine Dramen werden vergleichsweise selten gespielt, viele gelten als handlungsarm und wortlastig. Möglicherweise ärgert es Hochhuth, dass er zu den wenigen Dramatikern gehört, die über ein eigenes Theater verfügen, aber dennoch selten aufgeführt werden. Was auch an ihm selbst liegt. Denn vertraglich hat er das Recht, in der Sommerpause das Berliner Ensemble zu bespielen. Mitunter hat es nicht geklappt, weil er die Fristen zur Anmeldung nicht eingehalten hatte. Oder Peymann dringende Sanierungsarbeiten ankündigt hat. Die beiden haben das auch schon gerichtlich ausgefochten, bei einer Verhandlung verließ Hochhuth schimpfend und türzuschlagend den Gerichtssaal, durchsetzen konnte er sich letztlich nicht. Jetzt hat er einen neuen Rechtsanwalt - und einen neuen Gegner: Das Land Berlin, vertreten durch Kultursenator Klaus Wowereit. In der Senatsverwaltung reagiert man, wie man in solchen Fällen reagiert: prüfend. Wahrscheinlich geht die ganze Chose wieder vor Gericht, denn nach Hochhuths Ansicht hat das Land Vertragspflichten nicht erfüllt, dazu zählt wohl, dass jedes Jahr im Oktober "Der Stellvertreter" am Berliner Ensemble gezeigt wird. Sollte sich der Dramatiker durchsetzen, droht Leerstand: Denn ohne finanzielle Unterstützung durch das Land dürfte auch Hochhuth nicht in der Lage sein, das Theater zu bespielen. Wenn man Hochhuth richtig versteht, geht es ihm um das Verwalten des eigenen Erbes. Aber auch das Berliner Ensemble hat eine Geschichte, das Erbe von Bertolt Brecht ist bedeutend. Hochhuth wird als Autor des "Stellvertreters" in Erinnerung bleiben. Er sollte sich seinen Ruf nicht dadurch ruinieren, dass er Brecht aus dessen Tempel vertreibt.

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