BERLINER MORGENPOST

Der Stilbruch der Kanzlerin; Hajo Schumacher über Angela Merkel, die Flut und den Bundestagswahlkampf

Berlin (ots) - So viel Mutti war nie. Zuerst waren die Champions-League-Helden des FC Bayern dran. Innig wie nie zog Angela Merkel einen verdatterten Fußballer namens Schweini und manchen seiner Kollegen so dicht an sich, dass Erstickungen zu befürchten waren. Dann war der deutsche Mieter an der Reihe. Kühn hatte sich die Kanzlerin die sozialdemokratische Idee von der Mietpreisbremse gegriffen. Fortan wurden Rentner und Familien mit Wohltaten umgarnt. Und jetzt die Flutgeplagten. Man meint, die Handschrift früherer Regierungssprecher zu erkennen. Die Bundeskanzlerin versucht sich im Hybrid-Wahlkampf. Sie vereint gleich drei vermeintliche Erfolgsrezepte: die "asymmetrische Demobilisierung" des Jahres 2009, als sie der SPD die Themen stahl, dazu Kohls Wohltaten und Schröders Rettergestus. Angela Merkel scheint ihre eigene Laufzeitverlängerung erzwingen zu wollen. Ob das funktioniert? Glauben die Menschen den Gummistiefel-Bildern so wie vor elf Jahren? Oder durchblickt eine Castingshow-gestählte Wählerschaft, dass zwischen medialer Bühne und Realität bisweilen eine Glaubwürdigkeitslücke klafft? Riskiert Merkel ihren Markenkern, die unaufgeregte Coolness, wenn sie das Spiel der anderen plötzlich mitmacht? Als ihr Vorgänger durch den Schlamm stiefelte, herrschte eine andere Zeit. Schröder hatte sich mit seinem "Nein" zum Irak-Krieg in die Herzen seiner USA-skeptischen Partei zurückkatapultiert, Herausforderer Stoiber stolperte zugleich herum. Die Stolperer sind das einzige Kontinuum. Denn Peer Steinbrück wäre wohl bei der Spargelfahrt der Parteifreunde vom Seeheimer Kreis aufgekreuzt, wäre diese nicht in letzter Sekunde abgesagt worden. Warum findet sich in der ganzen SPD kein Stratege, der einen klugen Gegenentwurf zur Flut-Show wagt? Wer fragt nach den Ursachen des Hochwassers und bietet Lösungen, wie solche Katastrophen künftig zu verhindern sind? Wo ist Steinbrück in einer Phase, da die Regierungschefin mit viel Getöse ihre Nervosität überspielt? Merkels Stilbruch ist nicht nur offenkundig, sondern auch verdächtig. Eine bislang konsequent kühl auftretende Kanzlerin zeigt plötzlich kalkulierte Gefühle nach außen und Nerven nach innen. Guttenberg, Wulff, Röttgen, McAllister, Mappus, Schavan sind weg, dazu leiser Dauerzoff mit Ursula von der Leyen und der Drohnen-Skandal ihres engsten Vertrauten de Mazière, der ausgesprochen unelegant kommunizierte Wechsel von Klaedens zur Daimler AG, das Murren der AfD-Hysteriker - die Kanzlerin erlebt jene anschwellende Einsamkeit, die all ihre Vorgänger durchmachten. Am Ende wird gleichwohl alles davon abhängen, ob sie den kraftvollen Eindruck vermittelt: Ich kann! Ich will! Niemand beherrschte die Kunst der persönlichen Mobilisierung wie einst Gerhard Schröder. Er wusste, dass er allein das Ding entscheiden musste und krächzte bei seinen letzten Auftritten nur noch. Aber er ballte die Faust. Der Mann brannte. Dieses Feuer wird auch Angela Merkel entfachen müssen. Am Ende zählen nicht Bilder, sondern ein flammendes Herz.

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