Notoperation in Tegel / Leitartikel von Jochim Stoltenberg

Berlin (ots) - Wenn das mal nicht wieder schiefgeht. Sparsamkeit, geschärft durch die Kostenexplosion in Schönefeld, ist zwar angesagt, wenn es in Berlin um die Fliegerei geht. Die wird notgedrungen noch immer zu zwei Dritteln in Tegel abgewickelt. Doch der stadtnahe Lieblingsairport der Berliner ist grenzwertig belastet. An jedem Tag mehr als 300 Flugbewegungen, die Haustechnik aus den 70er-Jahren zunehmend störanfällig, und ein Service für die Fluggäste aus aller Welt, der nicht nur auf den maroden Toiletten zum Himmel stinkt. Eine Ertüchtigung von Tegel ist also unabweisbar. Vor der Sitzung des Aufsichtsrats war davon die Rede, dass wohl 30 bis 50 Millionen Euro nötig wären, um Tegel für die nächsten mindestens zwei Jahre flug- und passagiertauglich zu halten. Nun hat der Aufsichtsrat mit seinem neuen Chef Matthias Platzeck beschlossen, dass zehn bis 20 Millionen Euro reichen müssen. Ob damit die gesamte am Rande des Kollapses taumelnde Infrastruktur am Laufen zu halten ist, bleibt eher fraglich. Berlin darf sich aber neben der Ruine BER nicht auch noch einen kollabierenden Flughafen erlauben. Mit der gestern genehmigten Summe sind große Erweiterungsbauten vom Tisch. Die hatte sich vor allem Air Berlin für sein TerminalC erhofft. Weil größere Bauarbeiten vermutlich zu weiteren Behinderungen für Flugzeuge und Passagiere geführt hätten, ist die Absage naheliegend. Damit ist zugleich der Weg frei für die volle Konzentration auf den Erhalt der Funktionsfähigkeit. Die ist überfällig, weil in Erwartung der Schließung von Tegel in den letzten Jahren "auf Verschleiß" gefahren wurde. Das betrifft vor allem die Gepäckbänder und Fluggastbrücken, von den Sanitäranlagen und der Klimaanlage ganz zu schweigen. Tegel muss mit dem auskommen, was vorhanden ist. Aber das muss auch funktionieren. Dazu ist vor allem eine personelle Verstärkung der Technischen Feuerwehr dringlich. Ihre Experten sind abrufbereit, um Schäden vor allem an Fluggastbrücken und Gepäckbändern, den neuralgischsten Techniken eines jeden Airports bei der Abfertigung der Passagiere, schnellstmöglich zu beheben. Wo Reparaturen nicht helfen, sind technische Anlagen ohne große Formalitäten auszutauschen. Die Risiken anfälliger Reparaturen sind hoch angesichts des betagten Flughafens. Entsprechend groß auch die finanziellen Risiken. So bleibt die vage Hoffnung, dass das Geld in diesem Fall reicht. Oder haben sich die Aufsichtsräte etwa die Zahlen wieder schöngerechnet, um die Berliner angesichts der Kostenexplosion beim BER zu besänftigen? Und noch ein Risiko gibt es: Platzeck hat noch immer keinen neuen Vorstandschef für die Flughafengesellschaft gefunden. Der wird aber letztlich auch für die Ertüchtigung von Tegel verantwortlich sein. Der Kandidat muss seinen Kopf also zusätzlich für Tegel hinhalten, obwohl er über die Vorbereitung zur "Notoperation" Tegel gar nicht mitreden konnte. Das macht die Findung eines Flughafenchefs noch schwieriger.

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