BERLINER MORGENPOST

So bleiben die Opfer ewig Opfer
Leitartikel von Uta Keseling

Berlin (ots) - Seit im Jahr 2010 die Missbrauchstaten am Canisius-Kolleg in Berlin bekannt wurden, melden sich in unserer Redaktion immer wieder Menschen, die Opfer oder Zeugen von Missbrauchstaten sind. Sie wollen vor allem eines: die Aufklärung jener Taten, über die viel zu lange geschwiegen wurde - bis heute. Die meisten Missbrauchsopfer haben eine doppelte Leidensgeschichte hinter sich. Sie müssen die Tat und deren oft schwere psychischen Folgen verarbeiten. Und wenn sie - oft nach Jahren - in der Lage sind, darüber zu sprechen, macht sie das "Systems des Schweigens" wieder mundtot, das der Jesuitenpater Klaus Mertes vor drei Jahren anprangerte. Die Beteuerungen der katholischen Kirche, dieses Schweigen zu brechen, sind noch in guter Erinnerung. Aber was ist seitdem geschehen? Einerseits: Die Kirche hat reagiert. In Berlin sind viele katholische Institutionen in einem Netzwerk Kinderschutz zusammengefasst. Von der Hochschule bis zum Kindergarten soll Prävention gefördert werden. Erzieher, Gemeindemitarbeiter, alle, die es betrifft, werden im "Erkennen, Einschätzen und Handeln" geschult. Auf der anderen Seite steht die Aufklärung des Gewesenen - oder besser: die Nichtaufklärung. Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Zusammenarbeit mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen beendet. Das Institut sollte mit einer Studie die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche aufarbeiten und Erkenntnisse darüber gewinnen, wie es kam, dass die Taten im Dunkeln blieben. Inzwischen scheint es, als sei die Vergangenheitsbewältigung zum akademischen Problem geschrumpft. Und die Beteiligten werfen sich nun gegenseitig Vertrags- und Vertrauensbruch vor. Statt um die Opfer geht es, wieder einmal, um die Rechte möglicher Täter, um Zensur und Kontrolle. In diesem Fall um den Schutz ihrer Daten. So gesehen machen sich die vermeintlichen Aufklärer selbst zum Teil jenes Systems, das sie doch eigentlich bekämpfen wollten. Die Zeit heilt alle Wunden - diese Volksweisheit gilt nicht für Traumata. Und erst recht nicht im juristischen Sinne. Während um die Aufklärung gestritten wird, verblassen Erinnerungen, laufen Verjährungsfristen ab, sterben Zeugen und Täter. Taten werden nicht geahndet. Und auch die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen, bleibt ungenutzt. Für die Opfer wird dadurch nichts besser - im Gegenteil. Sie bleiben, was sie sind. Opfer eben. Menschen, die sich nicht wehren können. Weil sie gefangen sind in jenem System des Schweigens, zwischen Vertuschen und Verdängen, Missbilligung und Misstrauen. Solange das Schweigesystem Macht hat, kann es keine Klarheit geben. Und auch die Öffentlichkeit droht, selbst zum Opfer zu werden. Betrogen um die Wahrheit, um das Wissen, welches Ausmaß die Taten innerhalb der Kirche wirklich hatten oder immer noch haben. Es ist an der Zeit zum Erkennen und Handeln - das gilt nicht nur für die kirchlichen Mitarbeiter, sondern vor allem für jene, die ihnen vorstehen und sie führen.

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