BERLINER MORGENPOST

Berlin muss es endlich lernen
Leitartikel von Jochim Stoltenberg

Berlin (ots) - Und wieder die Bayern und die Berliner! Die im Süden einmal mehr ganz oben, wir im Osten ganz unten. Nicht um Fußball, viel schlimmer - um die Bildung unserer Jüngsten geht es. Die Bildungsforscher stellen Berlins Grundschülern im Vergleich aller 16 Bundesländer schon wieder ein ganz schlechtes Zeugnis aus. Die ganze Reformflut der vergangenen Jahre ist vergebens. Vermutlich hat sie sogar zur Misere beigetragen.

Ausreden der verantwortlichen Bildungspolitiker zählen nicht länger. Natürlich haben die Stadtstaaten - neben Berlin auch Hamburg und Bremen - einen besonders hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Bevölkerungskreisen. Aber das gilt beispielsweise auch für Hessen. Dort haben 30 Prozent der Schüler ausländische Wurzeln. Durch vielfältige Sprachfördermaßnahmen ist es immerhin gelungen, das Land im neuen Grundschulranking auf einen mittleren Platz zu befördern. Das beweist einmal mehr, wo der entscheidende Schlüssel zur Bildung und damit für die Perspektiven im weiteren Leben liegt: In der frühkindlichen Sprachförderung. Die dürfen in Berlin nicht länger nur in Sonntagsreden beschworen werden. Es muss endlich gehandelt und mehr konkret getan werden. Die Probleme sind nicht erst seit Heinz Buschkowskys Neuköllner Wutbuch bekannt. Seit Jahren weiß die Schulbehörde, dass rund zehn Prozent aller Berliner Schüler und etwa zwanzig Prozent mit Migrationshintergrund die Schule ohne Abschluss verlassen. Ein Alarmsignal, das ganz entscheidend auch durch mangelnde Sprachkompetenz ausgelöst wird. Sprache, Sprache und noch mal Sprache - sie muss viel stärker als bislang gefördert werden, wenn die Eltern selbst dazu nicht fähig oder willens sind. Denn ohne Beherrschen der deutschen Sprache fällt auch das Lesen, Rechnen, Zuhören und Verstehen schwer.

Was man in vielen Berliner Kitas sieht und aus Schulen hört, belegt, dass in dieser Stadt das längst Überfällige noch immer nicht getan wird, dass zwischen Wollen und Tun der Abgrund klafft. Zu große Gruppen und Klassen, zu wenig Personal, um gezielt Sprachdefizite aufzuholen, zu viel ältere, resignierte Lehrerinnen und Lehrer. Die Autoren der Studie nähren zudem die Zweifel, dass sich das im Bundesvergleich früheste Berliner Einschulungsalter nicht gerade positiv auswirkt. Dasselbe gilt für das jahrgangübergreifende Lernen. Angesichts der sozialen Strukturen in vielen Berliner Stadtteilen ist schwerlich zu erwarten, dass solche Reformen denen zugutekommen, die es besonders nötig haben. Bekräftigt wird zudem eine längst zur Binsenwahrheit gewordene Erkenntnis: je niedriger die soziale Herkunft, desto geringer die Kompetenzen. Dieser bildungspolitische Teufelskreis muss durchbrochen werden. Das wird nur mit mehr und besonders geschultem Personal gelingen. Nur unter dieser Voraussetzung übrigens hat auch das Reformprojekt Integrierte Sekundarschule eine Chance.

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