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Zu hoch und zu lange gepokert Ernst August Ginten über den angekündigten Streik der Flugbegleiter der Lufthansa

Berlin (ots) - Verwunderlich ist es nicht, dass die Flugbegleiter der Lufthansa streiken wollen. Mehr als ein Jahr hatten sich die Tarifverhandlungen hingezogen. Und dass das Management gegen den Widerstand der Gewerkschaft UFO seit Wochen Leiharbeiter auf den Berlin-Strecken einsetzt, musste die Lufthansa-Belegschaft als gezielte Provokation empfinden. Der neue Passagevorstand Carsten Spohr wollte offenbar zeigen, wie dramatisch die wirtschaftliche Lage vor allem im Europageschäft ist, das seit Jahren Defizite verbucht. Und dass er es ernst meint, dies wirklich nicht länger hinzunehmen. Nun droht schlimmstenfalls ein wochenlanger Streik. Und es ist zu befürchten, dass die UFO-Leute in den nächsten Wochen alles dafür tun werden, den Flugbetrieb in der Hauptstadt lahm zu legen oder zumindest erheblich zu stören. Flüge werden ausfallen und Passagiere an unerwünschten Orten hängenbleiben. Einer grundsätzlichen Lösung wird man so aber kaum näherkommen. Beide Seiten wirken seltsam starr. Die UFO-Leute wissen zwar um die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Lufthansa, wollen aber offenbar um jeden Preis ihren Besitzstand verteidigen. Lufthansa-Chef Christoph Franz wie auch der einflussreiche Aufsichtsratschef Jürgen Weber sehen dagegen keine Alternative zum eingeschlagenen rigiden Sparkurs. Sie riskieren dabei sogar, auch gute Kunden zu verschrecken. Denn vor allem die für die Airline so wichtigen Geschäftsleute sind über den abgespeckten Service auf den Europastrecken bereits seit längerem genervt - und buchen jetzt um. Aber angesichts steigender Kerosinpreise und der harten Konkurrenz der Billigfluggesellschaften bleibt den Lufthansa-Managern derzeit gar nichts anderes übrig, als auch bei den Personalkosten einzusparen. Allerdings ist in den Tarifverhandlungen die Strategie - mit Leiharbeit drohen, um Zugeständnisse in der Stammbelegschaft zu erzwingen - gescheitert. Der UFO-Vorstand hatte zuvor in der letzten Verhandlungsrunde versucht, den Spielraum der Lufthansa-Manager bis an die Schmerzgrenze auszuloten - und sich dabei verzockt. Denn auf eine von UFO angeboten Schlichtung wollten sich die Konzern-Unterhändler nach ihrem letzten Angebot nicht mehr eingelassen. Verständlich - hatten sie zuletzt doch noch vorgeschlagen, künftig auf Leiharbeiter zu verzichten und mehr zu zahlen, wenn dafür die Gehälter langsamer steigen und länger gearbeitet würden. Passagechef Spohr wie auch UFO-Chef Nicoley Baublies haben also beide zu hoch und zu lange gepokert. Der Schaden könnte erheblich sein. Denn die Lufthansa ist viel mehr Dienstleister als Transporteur. Und murrendes Personal vergrault die Kunden. Und für den Luftfahrtstandort Berlin wäre ein effektiver Streik der Lufthansa-Flugbegleiter eine zusätzliche Belastung, die angesichts der schon jetzt angespannten Lage auf dem Flughafen Tegel nur im Chaos enden kann.

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