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Claus Christian Malzahn über den Bürgerkrieg in Syrien und eine Zeit nach Assad

Berlin (ots) - Der Fall des syrischen Despoten Baschar al-Assad scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Die syrischen Rebellen kontrollieren wichtige Straßen und Grenzübergänge, manche Städte sind beinahe komplett in ihrer Hand. Doch man sollte sich von den verwackelten Kriegsbildern, die regelmäßig aus den Rebellenhochburgen gesendet werden, nicht täuschen lassen. Assad ist militärisch nach wie vor stark. Einigen Zehntausend Guerillakämpfern stehen 300.000 Soldaten der Armee gegenüber. Assads Diktatur ist verwundet, aber sie wankt noch nicht. Das von den Rebellen gewonnene Terrain wird immer wieder blutig vom Regime zurückerobert. So kann es noch lange weitergehen. Dennoch wird man sich in Washington und Moskau, in Ankara und in Teheran zurzeit nicht nur mit der aktuellen militärischen Lage beschäftigen. Längst werden Szenarien entworfen, wie es in Syrien nach einem Sturz, einem Rücktritt oder einer Flucht Assads weitergehen könnte. Doch welche Rechnungen da auch immer aufgemacht werden - sie beinhalten viele Unbekannte. Ein halbwegs geordneter, ja friedlicher Übergang zu einer syrischen Demokratie scheint derzeit völlig unrealistisch. Sollte Assad von der Bildfläche verschwinden, wäre der Konflikt nicht gelöst. 42 Jahre Despotie lassen sich nicht mit einem einzigen Familienclan bewerkstelligen. Wenn Assad stürzt, haben nicht nur seine Verwandten um Macht und Einfluss zu fürchten. Teheran wird mit allen Mitteln zu verhindern suchen, seinen wichtigsten Bündnispartner in der Region zu verlieren; auch Moskau kämpft um bleibenden Einfluss in Damaskus - und nicht zuletzt um direkten Zugang der russischen Kriegsflotte im Mittelmeer. Auf der anderen Seite will sich der Westen nicht in eine militärische Auseinandersetzung ziehen lassen, die am Ende eher an den jugoslawischen Bürgerkrieg erinnern würde als an den "arabischen Frühling". Die Interventionen auf dem Balkan, in Afghanistan, dem Irak haben nicht nur die USA müde und mürbe gemacht. Es herrscht Skepsis: Das militärische Ziel der syrischen Rebellen heißt Damaskus. Worin aber die politischen Ziele der FSA bestehen, wie stark ihr islamistischer Flügel ist; ob die säkularen syrischen Liberalen nicht nur auf Pressekonferenzen im Ausland, sondern auch in den umkämpften Gebieten etwas zu sagen haben, ist ungewiss. Über das syrische Schachbrett beugen sich viele Köpfe, aber welche Züge nun dran sind, scheinen sie zum Teil selbst nicht zu wissen. Angesichts der komplizierten Situation wird sogar in Washington schon unter der Hand empfohlen, man solle das Gespräch mit Teheran suchen. Wie angesichts der sich widersprechenden Interessen ein Kompromiss praktisch aussehen könnte - dazu reicht die Fantasie bisher nicht. Was aber kommt nach Assad? Bestenfalls handeln die Türkei und der Iran einen Plan aus, in dem der Schutz der syrischen Zivilbevölkerung im Mittelpunkt steht und der anschließend von Washington und Moskau mitgetragen wird. Schlimmstenfalls zerfällt das Land in seine ethnischen, religiösen und politischen Einzelteile, die nur noch vom Chaos regiert werden. Der anwachsende Flüchtlingsstrom zeigt, dass die Menschen dort eher mit dem Letzteren rechnen. Die syrische Tragödie hat wohl erst begonnen.

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