BERLINER MORGENPOST

Boomtown Berlin
Leitartikel von Christine Richter

Berlin (ots) - Wer hätte das gedacht: In Berlin ist die Zahl der Einwohner im vergangenen Jahr so stark gestiegen wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Mehr als 3,5 Millionen Menschen leben inzwischen in der deutschen Hauptstadt. Und dies, weil mehr Menschen aus anderen Ländern wie Polen oder Spanien nach Berlin gezogen sind, weil es im vergangenen Jahr erstmals wieder einen Geburtenüberschuss gab. Das sind gute Nachrichten für die Stadt. Wie attraktiv Berlin ist, lässt sich in diesen Tagen an vielen Orten erleben. Zur Modemesse Bread & Butter strömen Geschäftsleute, Designer und Modeinteressierte nach Berlin, zur parallel stattfindenden Fashion-Week zusätzlich die Models und Prominenten. Für die Berliner Taxifahrer sind diese Tage so umsatzstark wie Weihnachten oder Silvester. Viele Restaurants in der Stadtmitte und den Szene-Vierteln sind aus-, die Hotels und Hostels gut gebucht. Das heißt: Von der Attraktivität Berlins profitiert die Wirtschaft in der Stadt, vor allem der Dienstleistungssektor. Und manch einer entscheidet sich, hierzubleiben. Wer es sich - wie der ein oder andere Prominente - leisten kann, nimmt sich eine Zweitwohnung. Wer jung und flexibel ist und einen Studiums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz in Berlin findet, bleibt hier. Manchmal für ein paar Monate, meist für Jahre. Das hilft einer Stadt, die bis vor 23 Jahren geteilt oder wie der Westteil eingemauert war, die überaltert war und viele leistungsstarke Menschen in den Jahren vor 1989 verloren hatte. Nach dem Fall der Mauer hatten die politisch Verantwortlichen davon geträumt, dass bis 2010 die Einwohnerzahl in Berlin auf fünf bis sechs Millionen wachsen würde. Der Senat hatte deshalb teure Entwicklungsgebiete geplant und begonnen - wie in der Rummelsburger Bucht oder an der Wasserstadt Oberhavel. Diese Träume erwiesen sich als falsch und kosteten das Land Berlin allein bei den fünf Entwicklungsgebieten mehr als 1,1 Milliarden Euro, aber inzwischen werden die Wohnungen in Berlin wieder rar. Nun muss der Senat wieder über Wohnungsbau nachdenken, einen Plan für die Entwicklung der Stadt im Zentrum und in den Randgebieten machen. So interessant Berlin für Touristen - in diesem Jahr wird wohl die Marke von 24 Millionen Übernachtungen erreicht werden - oder für Zuzügler ist, so klar ist auch, dass die Veränderung Berlins nicht ohne Probleme verläuft. Seit Monaten hat beispielsweise die Zahl der Ferienwohnungen im Stadtzentrum stark zugenommen, was gleichzeitig bedeutet, dass es weniger Wohnungen für die Berliner gibt. Die Mieten sind in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte, Prenzlauer Berg oder Charlottenburg sprunghaft gestiegen, weniger zahlungskräftige Berliner werden in die Randbezirke verdrängt. Hier muss der Senat wohl regulierend eingreifen und zum Beispiel Zweckentfremdung verbieten. Die Stadt lebt von einer guten Durchmischung - und bleibt damit attraktiv für Menschen, die zum Arbeiten und Leben nach Berlin kommen wollen. Sie sind willkommen.

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