BERLINER MORGENPOST

Wie Überfluss Hunger produziert
Leitartikel von Ulli Kulke

Berlin (ots) - Erschreckendes schmiert uns eine Studie aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium aufs Butterbrot: Elf Millionen Tonnen noch verzehrbare Lebensmittel werfen die Deutschen Jahr für Jahr in den Abfall. Auch wenn die noch halb volle Packung Schinken, der Käse mit dem abgelaufenen Haltbarkeitsdatum oder der etwas angegilbte Salat niemand vor dem Verhungern retten könnten, wenn wir all dies nicht in den Mülleimer werfen, so hat unser Verhalten dennoch etwas mit dem Welthunger zu tun. Es geht ja nicht darum, dass wir die überflüssige Nahrung aus unserem Haushalt nach Afrika schicken. Klar ist aber, dass die Überschussproduktion hierzulande und auch der Überschussimport - vor allem an Fleischprodukten - die begrenzten Ressourcen an Land und Wasser unnötig überbeanspruchen. Die Getreidemärkte der Welt hängen zusammen wie kommunizierende Röhren, ebenso die internationalen Märkte für Ackerböden, auf denen sich Investoren aus den USA und Europa, zunehmend auch aus China und Indien tummeln und die Pachtpreise in die Höhe jagen, sodass die Kleinbauern in Afrika von ihren ertragreichen Liegenschaften vertrieben werden. Wird es zu knapp auf diesem Markt, fallen die Urwaldriesen, um Platz zu schaffen. Besonders hoher Aufwand wird für die Fleischproduktion betrieben, die ein Mehrfaches an Getreide fürs Viehfutter erfordert, verglichen mit der Menge, die wir bei derselben Kalorienzahl selbst zu uns nähmen. Da in den meisten Schwellenländern bis hin zu dem so bevölkerungsreichen China der Hang zu dieser "veredelten", der tierischen Nahrung parallel mit dem Wohlstand wächst, verstärkt sich der Druck auf die Ackerflächen noch zusätzlich. Viele regen deshalb an, den Fleischkonsum zu drosseln oder ganz einzustellen. Wer sich darauf nicht einlassen will, täte immerhin schon mal gut daran, weniger wegzuschmeißen. Die Produktion von Fleisch benötigt im Vergleich zur Pflanzenkost obendrein ein Vielfaches an Trinkwasser, was in manchen Exportländern knapp ist. Auch wenn es hierzulande - außer den hohen Preisen - absolut keinen Grund zum Wassersparen gibt, unser "virtueller" Wasserverbrauch durch den Nahrungsimport ist für viele Länder durchaus ein Problem. Verantwortlich für den immensen Nahrungsabfall ist der Handel nur zu fünf Prozent, zwei Drittel stammen aus Privathaushalten, der Rest aus Gaststätten, Kantinen und Schulen. Wir müssen uns also an die eigene Nase fassen, wenn uns dieser Müllhaufen stinkt, können die Schuld nur in geringerem Maße auf die Politik oder den Handel abwälzen. Unüberlegtes Einkaufsverhalten, mangelnde Gelassenheit beim Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum, Abneigung gegen zu kleine Kartoffeln und zu krumme Gurken sind für die 81 Kilo Nahrung verantwortlich, die ein Durchschnittshaushalt jedes Jahr wegwirft. Lange haben wir übrigens gelacht über die absurde EU-Regelung, nach der allzu krumme Gurken aus dem Handel ferngehalten wurden. Längst ist die Regelung aufgehoben. Die krummen Gurken kommen dennoch nicht ins Angebot, weil sie niemand kaufen will. Wir können also weiterlachen. Aber über uns selbst, nicht mehr über die EU-Bürokraten.

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