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Der Diktator ist tot, die Diktatur bleibt - Leitartikel

Berlin (ots) - Bis zum Schluss bleibt das Jahr 2011 eines, das im Guten wie im Schlechten im Zeichen der Freiheit steht. Gerade hat die Welt in Václav Havel den sanften Revolutionär der Freiheit verloren und in Christopher Hitchens ihren scharfzüngigsten Verteidiger. Nun stirbt mit Kim Jong-il gewissermaßen der ontologische Widersacher dieser beiden, der schlimmste Diktator unserer Zeit. Das Regime vereint Elemente eines Steinzeitkommunismus mit einer koreanischen Version rassistischen Herrenmenschentums. Pjöngjangs Propagandamaschine stellt die koreanische Rasse als allen anderen Rassen überlegen dar. Ein häufiger Vorwurf gegenüber Südkorea ist, dass die dortigen laschen Sitten zu einer Vermischung der "reinen" koreanischen Rasse führen würden. Anders jedoch als in anderen rassistischen Ideologien macht ihre "Reinheit" die Koreaner nicht automatisch stärker. So sei es gerade ihre Tugendhaftigkeit, die die Koreaner gegenüber den "bösen Mächten" da draußen - vor allem den Japanern, den amerikanischen "Bastarden" und den Juden - verwundbar mache. Deshalb benötigten die Koreaner einen väterlichen Führer, der die Wehrhaftigkeit sicherstellt. Die Kims sind "das Gehirn im nationalen Organismus", wie es im Jargon heißt. Bis zu 200.000 Menschen müssen in Straflagern vegetieren, in denen härteste Sklavenarbeit, verbunden mit systematischer Unterernährung, für viele das Todesurteil bedeutet. Frauen werden zu Abtreibungen gezwungen oder Babys gar nach der Geburt umgebracht und Kinder nach Fluchtversuchen erschossen. Auch außerhalb der Lager wird intensive Gedankenkontrolle betrieben und Denunziation befördert. Koreaner werden zum Hass auf Fremde erzogen. Die allgemeine Versorgungslage ist so schlecht, dass Nordkoreaner und Südkoreaner sich heute in ihrer Durchschnittsgröße erheblich unterscheiden. Die Differenz kann bei den Jungen zehn Zentimeter und mehr betragen. Das Regime hungert seine Bevölkerung zu Tode - oder zu Zwergen. Christopher Hitchens hat deshalb einmal zu Recht geschrieben, dass Nordkorea nicht nur Konzentrationslager unterhält, sondern ein Konzentrationslager ist. Der Tod Kim Jong-ils ist also erst einmal eine gute Nachricht, so, wie der Tod Adolf Hitlers, Josef Stalins oder Saddam Husseins gute Nachrichten waren. Jeder moralisch empfindende Mensch ist unwillkürlich erleichtert, das Angesicht der Erde nicht mehr mit diesen Diktatoren teilen zu müssen. Das heißt aber nicht etwa, dass die Lage für die Nordkoreaner nun besser werden wird. Schon steht der nächste Kim bereit. Ostasien stehen turbulente Monate und vielleicht Jahre bevor. Denn der noch nicht mal 30-jährige neue Führer sitzt keineswegs sicher im Sattel. Und so wird er die Militärs von seiner Verlässlichkeit überzeugen wollen, indem er aggressiv nach innen und nach außen agiert. So, wie er es 2010 tat, als er als Nachfolger in Stellung gebracht wurde. Damals attackierte Nordkorea eine südkoreanische Insel und versenkte ein Kriegsschiff. Westliche Sicherheitskreise gehen davon aus, dass Kim Jong-un an der Planung dieser Anschläge beteiligt war. Eine Art nordkoreanische Bewährungsprobe. Davon wird es nun wohl noch mehr geben.

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