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Die Kanzlerin und ihre Problem-Hähne - Leitartikel

Berlin (ots) - Zu den verbreiteten Weisheiten über das Wesen der Kanzlerin gehört ihre Vorliebe zum Männermord. Seit Roland Koch, Friedrich Merz und weniger bedeutende Unionisten die Politik verlassen haben, haftet Angela Merkel der Ruch der Killerin an. Mag sein. Fairerweise aber ist festzuhalten, dass manche Herren nicht nur anstrengend sind, sondern Bremser, Querulanten, Irrlichter. Derzeit hat es die Chefin gleich mit zwei solcher Exemplare zu tun, denen mit Argumenten nicht beizukommen ist, weil es um Inhalte gar nicht geht: Nicolas Sarkozy und Horst Seehofer, zwei Problem-Hähne, die mit lautem Krähen ihr Leistungsvakuum zu überspielen suchen. Dieses Duo wird von ähnlichen Sorgen geplagt: Beide halten sich für große Macher, haben aber in Wirklichkeit nicht viel zustande gebracht. Der Bayer wie der Franzose wären froh, wenn ihnen das Wasser nur bis zum Hals stehen würde. Der eine fürchtet erstens um seine Banken, weswegen er einen Rettungsschirm ohne Limit braucht, und zweitens um seine Wiederwahl, weil ein inszenierungskundiges Volk womöglich nicht mal mehr eine auf den Wahlkampf gezirkelte Entbindung goutiert. Der andere wiederum hat große Angst, dass er als Totengräber der Mehrheitspartei CSU abtritt, auch wenn Vorgänger Stoiber schon heftig vorgebuddelt hat. Zwei Himmelhunde, auf direktem Weg in die politische Hölle, suchen ihr Heil nun in der Kompensation per Krawall. Vor lauter Verzweiflung gehen sie keine Kompromisse ein, sondern blockieren, egal, was da kommt. Nur der permanente Querschuss verspricht Schlagzeilen, die wiederum den Eindruck erwecken, hier agierten tatkräftige Männer. Tatsächlich ist das destruktive Machtgehabe so beeindruckend wie ein Potentat, der in Plateauschuhen und mit steil toupiertem Haupthaar die Parade abnimmt. Was kraftvoll wirken will, spielt schnell ins Lächerliche. Die beiden Herren wissen es natürlich besser: Bayerns Ministerpräsident wird die im Koalitionsvertrag beschlossene Milderung der kalten Progression nicht dauerhaft blockieren können. Und der französische Regierungschef kann nicht ernsthaft glauben, dass die Deutschen am Ende für alle Miesen der EU bürgen. Wenn Frankreichs Sorgen-Banken unter den Euro-Schirm schlüpfen, der eigentlich für Notfälle gedacht war, dann wird das Projekt Europa womöglich schneller erledigt als mit jeder anderen Methode. Der Kanzlerin kommt die undankbare Aufgabe zu, gleich zwei schwere Fälle von Narzissmus, Schizophrenie und Paranoia therapieren zu müssen. Beiden Patienten ist ja nicht mit Vernunft beizukommen, sondern allenfalls mit Symbolik. Seehofer und Sarkozy sind nur zu bändigen, wenn sie das Gefühl haben, irgendeinen Triumph davonzutragen, am besten täglich. Angela Merkel muss öffentlich also zurückstecken, hinter den Kulissen aber eine Richtung vorgeben, die Nerven und Kasse schont und zugleich Vertrauen zurückbringt. Erst wenn diese Scheinriesen erledigt sind, wird wieder Platz für Vernunft sein.

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