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Henri Nannen Preis

Preisträger Henri Nannen Preis 2013

Hamburg (ots) -

   Der Henri Nannen Preis 2013 geht an: 

Reportage: Heike Faller (ZEIT magazin), Dokumentation: Fabian Gartmann und Sönke Iwersen (Handelsblatt), Investigation: Wolfgang Kaes (Generalanzeiger Bonn), Essay: Bernd Ulrich (DIE ZEIT), Fotoreportage: Sandra Hoyn (emerge-mag.com), Sonderpreis: Letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland

Weitere Preisträgerin der vom Verlagshaus Gruner + Jahr und stern vergebenen Auszeichnung ist die Verlegerin Anneliese Friedmann für ihr publizistisches und journalistisches Lebenswerk. Den Preis für Pressefreiheit erhält René Wappler von der Lausitzer Rundschau.

Heute Abend haben der Verlag Gruner + Jahr und der stern zum neunten Mal den Henri Nannen Preis vergeben. Der Preis zeichnet die Bestleistungen im deutschsprachigen Print- und Onlinejournalismus aus. Die Preisträger wurden im Rahmen einer festlichen Verleihung auf Kampnagel in Hamburg vor rund 1.200 prominenten Gästen aus Medien, Kultur, Politik und Wirtschaft geehrt.

Der Henri Nannen Preis 2013 wird verliehen an Heike Faller (Reportage), Sandra Hoyn (Fotoreportage), Fabian Gartmann und Sönke Iwersen (Dokumentation), Wolfgang Kaes (Investigation), Bernd Ulrich (Essay) und die Financial Times Deutschland (Sonderpreis).

Die Verlegerin Anneliese Friedmann wird vom Gruner + Jahr und dem stern für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Der Preis für Pressefreiheit geht an René Wappler von der Lausitzer Rundschau.

Den Henri Nannen Preis für die beste Reportage erhält Heike Faller vom ZEIT magazin. Journalisten und Strafverteidiger verbindet der Umstand, dass sie mitunter das Handeln, Denken und Fühlen von Menschen zu erklären versuchen, die eigentlich niemand näher kennenlernen möchte. Über ein halbes Jahr trifft sich die Reporterin Heike Faller regelmäßig mit Jonas, der eine Therapie an der Berliner Charité macht. Jonas ist pädophil. Bisher hat er kein Kind missbraucht. Dafür hat er Tausende von Kinderpornos gesehen. Heike Faller schildert seinen Kampf an zwei Fronten: gegen seine Neigung - und gegen seine Angst, sich der Familie zu offenbaren. Nichts an dem Text verrät, was Heike Faller selber von dem Pädophilen hält, sie protokolliert Fortschritte und Rückfälle mit kühler Sachlichkeit. Vielleicht ist es gerade diese Haltung, die es möglich macht, dass ein Leser irgendwann ungewollt beginnt, Anteil zu nehmen, vielleicht sogar so etwas wie Verständnis zu empfinden. Heike Faller ist eine bemerkenswerte Reportage gelungen, eindringlich, herausfordernd, brillant formuliert, intensiv in der Wirkung. Möglicherweise gar mit Langzeitwirkung: Weil diese Nahaufnahme ein Schutz sein kann vor vorschnellen Urteilen - gerade dann, wenn der differenzierte Blick so schwer fällt.

In der Kategorie Dokumentation schildern die Preisträger Sönke Iwersen und Fabian Gartmann im Handelsblatt die Geschichte vom Niedergang der Drogeriekette Schlecker. Ein Mann aus kleinen Verhältnissen erschafft einen Konzern, der in seinen besten Jahren mehrere hundert Millionen Euro Umsatz macht. Dann kommt der Konzern unter Druck, der Mann weigert sich ihn umzubauen, schließlich bricht alles auseinander. Kein außergewöhnliches Unternehmerschicksal. Doch der Text über dieses Schicksal ist außergewöhnlich. Es geht um Aufstieg und Fall des Anton Schlecker, und die Autoren haben darüber einen Text geschrieben, der trotz seiner enormen Länge den Leser in Atem hält bis zum Schluss. Der Grund dafür ist nicht, dass die beiden Redakteure viel Unerwartetes, gar Unglaubliches herausgefunden hätten. Die Stärke des Textes ist vielmehr die enorme Fülle an Details, an zusammengetragenen Szenen und Zitaten - und das bei einem Mann, dessen letzter öffentlicher Auftritt mehrere Jahre zurück liegt. Und dessen enge Mitarbeiter ungern etwas über ihn sagen, schon gar nichts Negatives. Iwersen und Gartmann haben in Spiralform recherchiert, immer näher rückten sie Anton Schlecker und seinen Vertrauten. Als sie meinten, alles beisammen zu haben, schrieben und redigierten sie 48 Stunden wie im Rausch. Herausgekommen ist eine deutsche Firmengeschichte, die sich liest wie das Drehbuch eines Filmdramas.

Der Henri Nannen Preis für die beste investigative Leistung geht an Wolfgang Kaes vom Bonner Generalanzeiger. Wolfgang Kaes wurde auf eine amtliche Bekanntmachung aufmerksam, die eigentlich als Annonce für die Anzeigenabteilung seiner Zeitung gedacht war: Eine seit Jahren verschwundene Frau sollte für tot erklärt werden. Der Lokalreporter nahm Witterung auf und zwang mit seinen Recherchen die Behörden dazu, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Es stellte sich heraus, dass die Vermisste von ihrem Mann ermordet wurde. Die Professionalität der Recherche von Wolfang Kaes hat die Jury ebenso beeindruckt wie die Haltung des Journalisten. Seine Wachsamkeit, die ihn die Geschichte entdecken ließ, seine Unbeirrbarkeit bis zum Schluss. Und weil ihm all das unter erschwerten Bedingungen gelungen ist, als Einzelkämpfer in einer Lokalredaktion, verleiht ihm die Jury den Henri-Nannen-Preis für die beste investigative Leistung.

Bernd Ulrich, der Preisträger in der Kategorie Essay, ist ein Freund klarer Worte, auch bei riskanten Themen. Er schreibt deshalb Sätze wie diese: "Das Gedenken an den Holocaust ist kein Gottesdienst, wo man jede Woche liturgische Worte murmelt. Zudem habe ich das Gefühl, das Deutschland es ganz gut macht mit Erinnerung und Verantwortung. "Doch in jüngster Zeit bedrängt den Autor ein anderes Gefühl. Es kommt Bewegung in die Sache, schreibt er, ungute Bewegung. Deutschland soll Europa führen - zugleich häufen sich im Ausland die Nazi-Vergleiche. Junge Deutsche wollen sich nicht mehr schuldig fühlen müssen - zugleich fliegt in Bayreuth ein Russe aus dem Chor, weil er sich als Schüler eine Art Hakenkreuz auf die Brust tätowieren ließ. Passt so etwas zusammen, gehört das überhaupt zusammen? Bernd Ulrich, Politikchef der ZEIT, gesteht seine Verwirrung ein. Um zu erfahren, was sich gerade ändert und was bleibt beim Erinnern an den Holocaust, fährt er nach Berlin und Auschwitz, nach Tel Aviv und Jerusalem. In seinem Text schildert Ulrich, was er dort erlebt, denkt und empfindet. Es ist kein Text, der die Widersprüche auflöst. Aber es gelingt dem Autor, auf eine selten anzutreffende Weise das schwere Thema beherzt hin und her zu wenden und zu betrachten und so zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Das Ergebnis ist ein als Reisebericht verkleideter Essay, der seine Leser verblüfft, anrührt und aufklärt. Es ist ein anstößiger Text, anstößig im besten Sinne.

Von den drei nominierten Fotoreportagen, die alle von hoher Qualität sind, hat die Arbeit "Die Kampfkinder" von Sandra Hoyn die Jury in besonderer Weise beeindruckt. Denn dieser Arbeit gelingt die präzise, fesselnde und gänzlich unsentimentale, aber gleichwohl zutiefst empathische Wiedergabe einer fremden Welt. Die Schwarz-Weiß-Fotos dieser Reportage überzeugen durch Ehrlichkeit und Nähe, durch subtile Beobachtung und stringente Bildkomposition. Die Bilder stehen exemplarisch für subjektive Fotografie im besten Sinne und zeichnen sich durch einen klaren und realistischen Bildsound aus.

Wenn eine Tageszeitung den Final Countdown erlebt, sind das für eine Redaktion "Final Times". Was läge bei einer "Financial Times" näher, als dieses auf den Titel zu heben - und dann im Blatt die Seiten ab- statt aufsteigend zu nummerieren? Die letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland war nicht von Larmoyanz und Bitterkeit getragen, sondern von Größe, kluger Selbstreflektion und einem Witz, der der Redaktion in solch einer Situation schwer gefallen sein muss. "Endlich schwarz" stand auf dem Titel, auf der Rückseite stand eine Verbeugung der Redaktion mit einer wunderbaren Entschuldigung für die verbrannten Millionen. "Wenn wir noch einmal von vorne anfangen dürften - wir würden es jederzeit wieder genauso machen." Wie auch sonst? Die FTD war sich selten selbst so nah wie in diesem ihren letzten Augenblick. Ein Meisterstück des gedruckten Journalismus, für das die Jury des Henri-Nannen-Preises die Financial Times Deutschland mit dem Sonderpreis auszeichnet.

Die Lebenswerkpreisträgerin Anneliese Friedmann wurde 1927 als Anneliese Schuller im bayerischen Kirchseeon geboren und wuchs in Freising auf. Sie schrieb schon als Schülerin für das Freisinger Tagblatt. Nach Kriegsende entschloss sie sich zu einem Studium der Kunstgeschichte und Theaterkritik in München, wo sie zudem Journalistik-Kurse besuchte. Als einzige Volontärin ihres Jahrgangs ging Anneliese Schuller zur renommierten Süddeutschen Zeitung, deren Modejournal sie in den 50er Jahren leitete. 1951 heiratete sie Werner Friedmann, den Chefredakteur der Abendzeitung und Anteilseigner des Süddeutschen Verlages. In dieser Zeit begann sie unter dem Pseudonym "Sibylle" Mode- und Lifestyle-Kolumnen für die Abendzeitung zu schreiben. Ab 1960 erschienen die Sibylle-Kolumnen im stern, dessen Chefredakteur Henri Nannen von der eleganten und wortgewandten Journalistin begeistert war und sie förderte. Anneliese Friedmann wurde als "Sibylle" berühmt, sie erreichte ein Millionenpublikum mit ihren Kolumnenthemen aus Politik und Gesellschaft, aus Mode und Stil. Sie schrieb ihre Kolumnen als eine Mischung aus Reportage, Essay und Kommentar und war dabei oft lehrreich, immer unterhaltsam und nie von oben herab. Als ihr Mann Werner Friedmann 1969 starb, übernahm sie die Leitung der Abendzeitung und ist dort bis heute Herausgeberin.

Anneliese Friedmann engagiert sich in großem Umfang sozial und kulturell. Sie gründete die Werner Friedmann Stiftung in München, die Hilfe für ältere Künstler und Journalisten bietet. Außerdem rief sie "Stars in der Manege" ins Leben, dessen Erlöse Kinder in Not zu Gute kommen. Sie ist Mitglied im Kuratorium der Stiftung Pinakothek der Moderne in München und Mitglied mehrerer Fördervereine. Ausgezeichnet wurde sie unter anderem mit dem Paul-Klinger-Preis für ihr soziales Engagement, mit dem Publizistikpreis der Stadt München und der bayerischen Staatsmedaille für soziale Verdienste. Anneliese Friedmann ist Mutter dreier Kinder und lebt in München.

stern-Chefredakteur Andreas Petzold: "Anneliese Friedmann ist eine hervorragende und mutige Journalistin, eine durchsetzungsstarke Verlegerin, eine unerschrockene Streiterin für ihre Standpunkte, eine lebenskluge Frau. Sie hat als geheimnisvolle und doch lebensnahe "Sibylle" in den 50er und 60er Jahren den Leserinnen und Lesern die Welt erklärt und den Männern den Kopf verdreht. Sie hat dem Lebensgefühl ihrer Zeit Ausdruck verliehen wie damals keine zweite deutsche Journalistin. Ihre Texte wurden millionenfach gelesen. Als sie wegen des Todes von Werner Friedmann Herausgeberin der Abendzeitung werden musste, zögerte sie nicht und wechselte beherzt in den Chefsessel. Sie fand nach manchem Ringen mit ihrer Redaktion zusammen. Neben ihrer Liebe zum Journalismus vergaß sie die Bedürftigen nicht, für die sie sich bis heute einsetzt. Für dieses engagierte, mutige und dem Journalismus verpflichtete Leben erhält Anneliese Friedmann den Henri Nannen Preis 2013 für ihr Lebenswerk."

Der Preisträger für den besonderen Einsatz für die Pressefreiheit, René Wappler, arbeitet als Redakteur bei der Lausitzer Rundschau in der Lokalredaktion Spremberg. Er berichtete im April 2012 über einen Aufmarsch von vermummten Jung-Nazis vor dem Bismarck-Denkmal in seiner Stadt. Kurz nach dem Bericht in der Lausitzer Rundschau wurde die Redaktion in Spremberg mit rechtsradikalen Parolen besprüht, das Fenster zur Straße mit Blut beschmiert und Innereien eines Schweins hingen am Redaktionsschild. René Wappler berichtete weiter über die rechte Szene in seiner Heimat, trotz mehrerer erneuter Einschüchterungsversuche. Sein Chefredakteur, Johannes M. Fischer, bot Wappler zum Schutz eine Versetzung in eine andere Lokalredaktion an. René Wappler lehnte ab und schreibt weiter von Spremberg aus. Seine Recherchen erhellen Umfang und Strukturen der rechtsradikalen Gruppierungen. Das brandenburgische Innenministerium bescheinigt der Lausitzer Rundschau einen aufmerksamen und für die Rechten unbequemen Umgang mit dem Thema Rechtsextremismus.

René Wappler wurde 1971 in Cottbus geboren und studierte in München Kommunikationswissenschaften, Slawistik und Politik. Nach seinem Studium kehrte er als Lokaljournalist für die Lausitzer Rundschau in seine Heimat zurück.

stern-Chefredakteur Andreas Petzold: "Verstöße gegen die Pressefreiheit finden nicht nur in anderen Ländern und in den Problemgebieten unserer Welt statt. Die Pressefreiheit wird in unserem eigenen Land bedroht, von einzelnen oder auch von Gruppierungen. René Wappler hat sich von den "Lügenpresse, halt die Fresse"-Parolen an der Mauer seiner Redaktion nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil. Er hat persönliche Bedrohungen in Kauf genommen, um die Freiheit der Presse mit seinen Berichten zu verteidigen und über die rechtsextreme Szene in seiner Heimatregion zu schreiben - auch wenn manche ihn für einen Nestbeschmutzer halten. Die Menschen, über die er schreibt, trifft er täglich, man kennt sich persönlich, die Gefahr ist greifbar für einen Lokaljournalisten wie René Wappler. Dass er sich nicht kleinkriegen lässt und die Pressefreiheit auf lokaler Ebene - an der Wurzel der Demokratie - verteidigt, dafür erhält er den Henri Nannen Preis 2013 für den besonderen Einsatz für die Pressefreiheit. Und er erhält ihn auch stellvertretend für die vielen Kollegen des Lokaljournalismus, die ihre Arbeit ebenso professionell und unerschrocken verrichten wie er."

Mit dem Henri Nannen Preis stellen Gruner + Jahr und der stern die Bedeutung von anspruchsvollem Print- und Onlinejournalismus heraus und erinnern zugleich an das Werk des stern-Gründers Henri Nannen (1913-1996). Der Preis ist mit insgesamt 35.000 Euro dotiert. Außerdem erhalten die Preisträger den "Henri", eine von dem Berliner Bildhauer Rainer Fetting geschaffene Bronzeskulptur Henri Nannens.

Ein aufwendiges Sichtungsverfahren sowie eine hochkarätige Jury, der erfahrene Journalisten, Autoren, Chefredakteure und Herausgeber großer Verlage Deutschlands angehören, gewährleisten die Unabhängigkeit der Auszeichnung. Um den "Henri 2013" bewarben sich Journalisten mit über 800 Arbeiten.

Der Hauptjury des Henri Nannen Preises gehören an: Brigitte Fehrle (Chefredakteurin Berliner Zeitung), Jana Hensel (stellv. Chefredakteurin Der Freitag), Volker Hinz (Fotograf), Margot Klingsporn (Inhaberin der Fotoagentur FOCUS), Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur DIE ZEIT), Helmut Markwort (Herausgeber Focus), Nils Minkmar (Ressortleiter Feuilleton Frankfurter Allgemeine Zeitung), Andreas Petzold (Chefredakteur stern, im jährlichen Wechsel mit seinem Kollegen Thomas Osterkorn), Jan-Eric Peters (Chefredakteur DIE WELT-Gruppe), Stefan Plöchinger (Chefredakteur sueddeutsche.de), Richard David Precht (Autor), Ulrich Reitz (Chefredakteur Westdeutsche Allgemeine Zeitung), Anja Reschke (Autorin und Moderatorin Panorama), Christoph Schwennicke (Chefredakteur Cicero), Gerhard Steidl (Verleger) und Andreas Wolfers (Leiter der Henri-Nannen-Schule). Andreas Wolfers ist Sprecher der Jury.

Weitere Informationen zum Henri Nannen Preis unter: www.henri-nannen-preis.de

Kontakt:

Susanne Hacker
Kommunikation Henri Nannen Preis
G+J-Unternehmenskommunikation
Telefon: +49 (0) 40 / 37 03 - 27 97
E-Mail: hacker.susanne@guj.de



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