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Bekloppt, Kommentar zu Negativzinsen von Bernd Wittkowski

Frankfurt (ots) - Es ist gerade mal zehn Wochen her, da wurde dem Vorstand der KfW die nicht wirklich ernst gemeinte Frage gestellt, wann die Förderbank gedenke, Kredite mit Negativzins zu vergeben, also ihren Schuldnern respektive den an die Endkunden durchleitenden Banken etwas dafür zu zahlen, dass sie sich bei dem Institut Geld leihen. Inzwischen bereitet sich die von Bund und Ländern getragene Bank allen Ernstes auf dieses Szenario vor und diskutiert es mit ihrem Verwaltungsrat und den Bankenverbänden. Die KfW kann sich ja ihrerseits heute bis zur zehnjährigen Laufzeit nicht nur für lau refinanzieren, die Anleihegläubiger - vielfach Zentralbanken - werfen ihr das Geld hinterher und zahlen gar 40 Basispunkte drauf. "Wie kann man so bekloppt sein?", fragt sich nicht nur KfW-Chef Ulrich Schröder. In Zukunft wird wohl auch noch die Vorfälligkeitsentschädigung von der Bank an den Kreditnehmer fließen statt umgekehrt. Schließlich entgeht ihm bei frühzeitiger Tilgung der Negativzins. So schnell holt die Realsatire die Satire ein.

So weit haben nicht mal die Autoren des Alten Testaments oder des Koran gedacht: Der Schuldner ist der Wucherer der Neuzeit. Zinsverbot - schön und gut. In der katholischen Kirche hielt es sich bis ins 19., im weltlichen Recht immerhin bis ins 17. Jahrhundert. Aber ein Verschuldungsbonus oder eine Kreditprämie - weitere Vorschläge zur Nomenklatur bitte an die Redaktion der Börsen-Zeitung - ist so wenig überliefert wie die als Terminus von der Commerzbank kreierte (und zum "Börsen-Unwort 2014" gekürte) "Guthabengebühr" auf der Passivseite.

Jetzt also ist die Aktivseite der Bilanz dran. In Dänemark gab es diesen Fall jüngst schon. Ansonsten waren Negativzinsen - bei Staatsanleihen längst Usus - vor kurzem auch bei Corporate Bonds angekommen. Im Kreditgeschäft hingegen können - zum Leidwesen potenzieller Schuldner - die IT-Systeme der KfW wie wohl auch vieler Geschäftsbanken einen Rabatt noch nicht verarbeiten. Dabei hätte die Tatsache, dass der von der Bundesbank veröffentlichte Basiszinssatz des Bürgerlichen Gesetzbuchs schon im dritten Jahr negativ ist, eine Warnung sein können.

Doch jenseits aller technischen, rechtlichen, ordnungspolitischen, kulturellen oder philosophischen Fragen, die diese Zeitenwende hin zur Bestrafung der Sparer und zur Incentivierung der Schuldenmacher aufwirft, muss man die Kreditwirtschaft hier mal in Schutz nehmen: Wie wir alle durfte sie davon ausgehen, bei der Geldpolitik der EZB handele es sich um Satire. Heute wissen wir, dass es real existierender Surrealismus ist.

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