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Sturz ins Bodenlose, Kommentar zur Entwicklung des Rubel von Christopher Kalbhenn

Frankfurt (ots) - Was am Dienstag mit dem Rubel geschehen ist, das lässt sich nur noch als Implosion bezeichnen. Trotz einer kräftigen Leitzinserhöhung um 6,5 Prozentpunkte auf 17% ist die russische Währung nach einer kurzen Gegenbewegung umgehend wieder in den freien Fall übergegangen und bis auf nahezu 80 Rubel pro Dollar abgesackt, ein Absturz zum Vortag von bis zu 21%. Seit dem Jahresauftakt hat der Greenback damit um bis zu 143% gegen den Rubel zugelegt.

Panikartig ziehen ausländische Investoren Kapital ab, finden aber kaum eine Gegenpartei, da russische Assets nicht einmal mit der Kneifzange angefasst werden. Hinzu kommen verzweifelte Fremdwährungskäufe russischer Unternehmen und Privathaushalte, die Verbindlichkeiten begleichen müssen bzw. ihr Vermögen in Sicherheit bringen wollen. Man muss schon bis zur Russlandkrise des Jahres 1998 zurückgehen, um Vergleiche ziehen zu können. Seinerzeit führte der Bankrott des Landes zu einem Anstieg des Dollar auf bis zu 20,9 Rubel, nachdem die US-Währung Ende 1997 noch bei 6 Rubel gelegen hatte. Darüber hinaus hält sich die Vergleichbarkeit in Grenzen. Von einem Staatsbankrott ist das Land aktuell weit entfernt.

Reflexartig hat Präsident Wladimir Putin bereits einen Schuldigen ausgemacht: Spekulanten. Sie müssen erneut als Sündenbock herhalten, um von eigenen Fehlern und Versäumnissen abzulenken. Putin hat sich in der Ukraine-Krise in eine selbst verschuldete Falle hineinmanövriert - auch wenn Fehler des Westens mit dazu beigetragen haben. Sanktionen und Kapitalflucht setzen der russischen Wirtschaft immer mehr zu und erfordern ein Einlenken. Allerdings würde die von Putin gegen den Westen und die vermeintlichen Kiewer "Faschisten" aufgehetzte russische Öffentlichkeit dafür zurzeit wohl kaum Verständnis zeigen.

Dass der Crash des Ölpreises nun so einen Kollaps auslösen kann, ist allerdings auch eine Folge struktureller Mängel. Schon seit Mitte 2013 geht es mit der Wirtschaft des Landes abwärts. Eine Ursache ist der Verfall der Rohstoffpreise, der sich jetzt verstärkt. Putin hat es in den zurückliegenden Jahren versäumt, Maßnahmen zu ergreifen, um die einseitig auf Rohstoffe fixierte russische Wirtschaft auf eine breitere Basis zu stellen. Rechtsunsicherheit und staatliche Willkür tun ein Übriges, um das Entstehen einer hinreichenden Unternehmerbasis zu verhindern. Der russische Präsident muss nicht nur außenpolitisch, sondern vor allem innenpolitisch dringend umdenken.

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