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Gipfel der Entfremdung, Kommentar zur South-Stream-Pipeline von Eduard Steiner

Frankfurt (ots) - Nicht einmal bei der Begründung des Scheiterns herrschte Einigkeit. So umstritten wie das russische Pipelineprojekt South Stream zu Zeiten seiner möglichen Realisierung war, so umstritten bleibt es auch nach seinem Aus, das von Kremlchef Wladimir Putin am späten Montagabend verkündet worden war. Die EU mit ihrer obstruktiven Position sei schuld, hieß es seitens der Russen. In Wahrheit freilich, so eine EU-Quelle gegenüber der russischen Agentur Interfax, sei das Projekt angesichts der fallenden Preise auf Energieträger nicht mehr machbar.

In gewissem Maß haben beide Seiten Recht. Die EU wurde angesichts der Ukraine-Krise zuletzt stur. Die Russen ihrerseits wollten ohnehin nie akzeptieren, dass das dritte EU-Energiepaket, das Gasproduzenten den Betrieb einer Pipeline auf EU-Gebiet untersagt, auch für South Stream gilt. Bei so viel Diskrepanz brauchte es nur noch einen finanziellen Engpass, damit das Unterfangen stirbt.

Zwar spricht Russland nicht offen von Finanzproblemen. Aber gleich mehrere Indizien legen eine solche nahe. So hat Gazprom vor einem Jahr bekannt gegeben, dass die Investitionskosten um 40% auf 23,5 Mrd. Dollar steigen. Kurz darauf, im ersten Halbjahr 2014, haben Rückstellungen wegen des Gaskonfliktes den Gewinn Gazproms um 23% auf 8,8 Mrd. Euro fallen lassen. Damit nicht genug, ist seither der Ölpreis abgestürzt, was Gazprom 2015 richtig zu spüren bekommt, bildet der russische Gaspreis doch den Ölpreis mit einer Verzögerung von mehreren Monaten ab. Schließlich schlagen noch die westlichen Sanktionen zu Buche, weil Gazprom sich nicht die Unterstützung westlicher Kreditgeber sichern kann. Dies ist umso einschneidender, als Gazprom sich wegen des Zerwürfnisses mit dem Westen China zuwendet und dort nun vor dem Problem steht, voraussichtlich nicht nur eine, sondern zwei Pipelines ins Reich der Mitte bauen zu müssen - übrigens ohne die Vorauszahlungen aus China zu erhalten, die man sich erhofft hatte. Drei Pipelines auf einmal wären selbst in besseren Zeiten nicht zu stemmen gewesen.

Unterm Strich freilich markiert das Aus für South Stream den Höhepunkt einer Entfremdung zwischen Russland und Europa auf dem Gassektor, die nicht erst mit der diesjährigen Ukraine-Krise, sondern 2006 mit dem ersten russisch-ukrainischen Gaskonflikt begonnen hat. Damals hatte man in Russland gesagt, mit Gazprom könne man in Europa Kinder erschrecken. Das Image wurde nie richtig korrigiert.

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