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Im Wettstreit um Talente, Kommentar zum IT-Sektor von Sebastian Schmid

Frankfurt (ots) - Bei Finanzdienstleistern werden hohe Gehälter gerne damit begründet, dass für die besten Talente eben viel gezahlt werden muss. Im IT-Sektor, einer Branche, in der Spitzenkräfte noch stärker umworben werden, genügen monetäre Anreize hingegen längst nicht mehr. Programmierer und andere kreative Spitzenkräfte der Softwareindustrie wünschen sich vor allem Gestaltungsspielraum und einen Arbeitsplatz, der kreative Entfaltungsmöglichkeiten bietet.

Vishal Sikka, bis vor kurzem SAP-Technologievorstand, hat sich offenbar ebenfalls mehr Gestaltungsspielraum erhofft. Eine unterschiedliche Auffassung über die Zukunft gab er unlängst als einen Grund für seinen plötzlichen Abschied im Mai an. Spekuliert wurde auch über private Gründe, die in ihm den Wunsch nach mehr Zeit für die Familie geweckt hätten. Letzteres kann man nun wohl ausschließen, denn Sikka hat sich bereits die nächste Mammutaufgabe vorgenommen.

Der 47-Jährige will als erster Nichtgründer den indischen Software-Dienstleister Infosys führen. Zeit für die Familie dürfte er dort - zumindest in den ersten Monaten - noch weniger haben. Zumal es bei Infosys personell brennt. Schon bei SAP ging in den vergangenen Monaten so manche Augenbraue hoch, weil die Managementwechsel im Vergleich zu früheren Jahren zuletzt noch einmal schneller getaktet waren. Bei Infosys wird Sikka derweil auch auf den unteren Ebenen mit einem hohen Mitarbeiterschwund konfrontiert. Binnen zwölf Monaten sind zehn Spitzenkräfte abgewandert. Die Fluktuationsrate im Konzern liegt auf Rekordniveau.

Im Internet klagten Mitarbeiter bei Infosys schon vor Jahren über "unglaublich lange Arbeitszeiten". Zudem sei das Gehaltsniveau im Branchenvergleich unterdurchschnittlich. Auch zwei Lohnanhebungen in den vergangenen zwölf Monaten konnten den Anstieg der Fluktuation aber nicht stoppen. Ex-Angestellte klagen auch über die für ein Softwareunternehmen strenge Hierarchie, die gerade Neulingen kaum Eigeninitiative erlaube.

Das dürfte Sikka, der von der Silicon-Valley-Kultur geprägt ist, ein Dorn im Auge sein. Bei SAP hat er geholfen, eine noch offenere Arbeitsumgebung zu schaffen. Infosys setzt auch hier auf seine Erfahrung. Viel Zeit bleibt ihm allerdings nicht. Beispiele wie der Internetkonzern Yahoo zeigen, dass eine Rückkehr in die Riege der Top-Arbeitgeber äußerst schwierig ist. Das weiß auch Sikka, der versucht sein könnte, möglichst viele Talente vom Ex-Arbeitgeber mitzunehmen. SAP muss aufpassen, dass der Verlust von Sikka nicht noch weitere Niederlagen im Wettstreit um Talente nach sich zieht.

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