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Der Druck wächst, Kommentar zur Lage der Automobilindustrie, von Ulli Gericke.

Frankfurt (ots) - Freie Fahrt für freie Bürger. In keinem anderen Land der Welt können Autofahrer so hemmungslos das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrücken wie in Deutschland. Dennoch fährt die Autoindustrie mit ihren allüberall bewunderten Premiumfahrzeugen hierzulande auf dem Standstreifen bei Absatzzahlen um die 3 Millionen Neuzulassungen. Im zu Ende gehenden Jahr dürften die Erstzulassungen um fast 5% zurückgehen, 2014 erwartet der Branchenverband VDA ein Miniplus von 2% - ein Aufschwung mit dem Fuß auf dem Bremspedal.

Nur, wo soll der Aufschwung auch herkommen? In einer alternden Gesellschaft, in der heute schon jeder Zweite ein Auto besitzt, gibt es kaum Bedarf über den Austausch des in die Jahre gekommenen Gefährts hinaus. Zudem wandeln sich die Bedürfnisse junger Leute.

Vor allem in Großstädten ist der Besitz eines eigenen, immer teurer werdenden Autos nachrangig geworden. Bahnen und Busse reichen für die alltägliche Mobilität. Bei besonderen Anlässen schließt sich die neue Generation per Smartphone einen der inzwischen flächendeckend präsenten Mietwagen auf. Um künftige Kunden überhaupt noch zu erreichen, bringen Daimler, BMW oder Citroën ganze Flotten als Mietwagen auf die Straße. Doch ob dieses Testfahrten irgendwann in der Zukunft auch zu einem Autokauf führen, ist hochgradig ungewiss.

Neuzulassungen deutlich über 3 Millionen Pkw dürfte es hierzulande also in Zukunft nicht mehr geben - eher merklich weniger, wenn die Konjunktur lahmt. Und ob der Absatz in Westeuropa, der in den vergangenen Krisenjahren von 15,5 auf jetzt 11,5 Millionen Neuzulassungen geschrumpft ist, jemals wieder alte Höchststände erreicht, ist mehr als fraglich. Kein Wunder, wenn neue Autowerke überall auf der Welt gebaut werden, nur nicht auf dem alten Kontinent.

Derweilen wuchten deutsche Hersteller eine neue Fabrik nach der anderen aus dem Boden, bevorzugt in China, dem inzwischen größten Automarkt überhaupt, mit wachsendem Abstand zu den USA. Aber auch in anderen dynamischen Märkten entstehen neue Kapazitäten, die hiesigen Standorten mehr und mehr Konkurrenz machen. Der Druck hierzulande wird größer, vor allem, wenn die Energiekosten immer weiter steigen und gesetzliche Vorgaben kommen, die die Flexibilität der Beschäftigten einschränken. Wenn sich irgendwann die globale Kundschaft, die drei von vier in Deutschland gefertigte Pkw abnimmt, beim Kauf zurückhält, drohen tiefe Einschnitte. Denn ausländische Werke produzieren weit günstiger.

(Börsen-Zeitung, 4.12.2013)

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