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Gewitterfront im Anmarsch, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn

Frankfurt (ots) - Geht es nach der Statistik, müssen die Anleger in den kommenden Wochen auf der Hut sein. Denn der September ist im langjährigen Durchschnitt der schwächste Börsenmonat des Jahres. Allerdings taugt die Statistik nicht wirklich zu einer zuverlässigen Prognose für das Abschneiden des Aktienmarktes im Spätsommer - und im oftmals ebenfalls ungemütlichen Herbst. Derzeit muss sie auch erst gar nicht bemüht werden, um eine vorsichtigere Haltung zu empfehlen. Denn es braut sich auch so schon genug potenzielles Unheil zusammen, das für eine Phase stärkerer Verunsicherung und erhöhter Volatilität sorgen könnte.

Ebenso brisant wie unberechenbar ist die geopolitische Situation. Nach der Eskalation der Lage in Ägypten droht nun ein militärischer Schlag gegen das Assad-Regime in Syrien. Dies wird in der nächsten Zeit die Risikobereitschaft der Marktteilnehmer dämpfen. Darüber hinaus meldet sich die Euro-Schuldenkrise zurück. In Italien hat die Regierungskoalition Risse gezeigt. Die Partei Silvio Berlusconis hat gedroht, die Koalition platzen zu lassen, falls der ehemalige Ministerpräsident nach seiner Verurteilung aus dem Parlament entfernt wird, der Streit um die Immobiliensteuer konnte nur durch deren Abschaffung gelöst werden. In Portugal hat zudem das Verfassungsgericht Sparmaßnahmen, d.h. vorgesehene Entlassungen von Staatsbediensteten, vor dem Wochenende für rechtswidrig erklärt.

US-Geldpolitik im Fokus

Von noch größerer Tragweite ist die US-Geldpolitik. Seitdem die Federal Reserve angekündigt hat, ihre Anleihenkäufe zu reduzieren, geht die Furcht um, dass die langfristigen Zinsen stark steigen und die Aktienmärkte eine ihrer Hauptantriebskräfte verlieren könnten. Vor allem die Schwellenländer bekommen die Verunsicherung in Form von Kapitalabflüssen zu spüren, die dort die Währungen und Anleihen unter Druck setzen. Sie geraten dadurch zunehmend in Bedrängnis, wie die am Freitag bekannt gewordenen Überlegungen eines Beraters des indischen Finanzministeriums, gemeinsam mit anderen Schwellenländern an den Devisenmärkten gegen den Verfall der Emerging-Markets-Währungen zu intervenieren, belegen.

Allerdings gibt es auch Ermutigendes. In den Industrienationen, vor allem in Japan und in den USA, zieht die Konjunktur an, und selbst im Euroraum war zuletzt eine wirtschaftliche Verbesserung festzustellen. Die Bewertung der Aktienmärkte auf Basis der Gewinnprognosen für das nächste Jahr ist günstig. Gleichzeitig sind Anleihen angesichts magerer Renditen keine zufriedenstellende Alternative, und die Leitzinsen der Industrieländer werden noch lange auf niedrigem Niveau verharren, so dass die Sorgen vor stark anziehenden Bondrenditen wahrscheinlich überzogen sind. Dennoch ist Vorsicht geboten. Denn ob die Hoffnung, dass die Weltwirtschaft im nächsten Jahr spürbar stärker wachsen wird, sich erfüllt, ist gegenwärtig noch höchst ungewiss. Die Schwellenländer waren in den zurückliegenden Jahren der Motor des globalen Wachstums und haben damit die Schwäche der von der Finanzkrise gebeutelten etablierten Volkswirtschaften kompensiert bzw. diesen erhebliche positive Impulse gegeben. Nun aber stottert dieser Motor. Das Wachstum der Schwellenländer geht weiter zurück, und die seit Mai anhaltende Schwäche ihrer Finanzmärkte hat einige Regierungen dazu veranlasst, ihre Wachstumsprognosen zu reduzieren. Dass wie zuletzt in Brasilien und Indonesien die Leitzinsen erhöht werden müssen, um den Fall der Währungen zu bremsen, bessert die Aussichten gewiss nicht. Auf Impulse der Schwellenländer können die Industrieländer auf absehbare Zeit nicht setzen.

Besondere Risiken gehen von China aus. Das Wachstum des Landes sinkt schneller als erwartet. Die Regierung muss einen sehr schwierigen Balanceakt vollziehen. Einerseits muss sie die schnell gestiegene Verschuldung des Privatsektors eindämmen, um das Risiko einer Finanzkrise zu reduzieren, andererseits muss sie versuchen, nicht zu stark zu bremsen, um einen konjunkturellen Einbruch zu vermeiden. Davon gehen wiederum Risiken für Schwellenländer wie Indonesien aus. Das Land ist mittlerweile sehr abhängig von der chinesischen Nachfrage geworden und hat ein hohes Leistungsbilanzdefizit. In dieser Gemengelage ist zu befürchten, dass der September seinem schlechten Ruf an den Börsen wieder einmal gerecht werden könnte. Angesichts der Gewitterfront, die auf die Aktienmärkte zuzieht, sehen zumindest die Aussichten auf deutlich steigende Notierungen in den kommenden Wochen nicht besonders gut aus.

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