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Im Banne Bernankes, Marktkommentar von Dieter Kuckelkorn

Frankfurt (ots) - Ben Bernanke, der Chairman der US-Notenbank Federal Reserve, hat bei seinem jüngsten Auftritt vor dem US-Kongress in Washington eigentlich nur wiederholt, was er längst schon gesagt hatte. Dass er nämlich das Bondkaufprogramm der Fed, mit dem die Notenbank die Konjunktur - und die Märkte - über Wasser gehalten hat, noch in diesem Jahr verkleinern und bis Mitte 2014 einstellen will. Am zweiten Tag der Anhörung fügte er hinzu, dass dies natürlich nur geschehen werde, wenn sich insbesondere die Lage auf dem US-Arbeitsmarkt nachhaltig verbessere.

Letzteres wurde an den Märkten stärker wahrgenommen als Ersteres und dahingehend interpretiert, dass Bernanke die ultralockere Geldpolitik zumindest im Grundsatz - das heißt mit höchstens kosmetischen Einschränkungen - noch recht lange beibehalten will. Dow Jones und Standard & Poor's 500 erklommen daraufhin am Donnerstag neue Allzeithochs von 15589 bzw. 1693 Punkten, womit Wall Street demonstrierte, dass dort die Angst vor einem dramatischen Umschwung einer Gewissheit gewichen ist, dass sich nicht allzu viel ändern wird. Dabei ist auch das Umfeld zu beachten, nämlich dass Europäische Zentralbank und Bank of Japan klargemacht haben, dass sie vorerst nicht die geringste Absicht haben, ihren ebenfalls ultralockeren Kurs zu ändern.

Wichtige Stütze

Die aus Sicht der Marktteilnehmer weiterhin günstige Geldpolitik der großen Notenbanken wird indes kaum ausreichen, um den Aktienmärkten neuen Schwung zu geben. Die Flutung der Märkte mit Liquidität der Notenbanken ist zwar eine wichtige Stütze, die einen neuerlichen Absturz verhindert. Angesichts des vor allem in Europa weiter sehr schwachen konjunkturellen Umfelds ist aber trotzdem kaum damit zu rechnen, dass die Märkte in nächster Zeit wieder von Rekord zu Rekord eilen werden. Die vorerst noch anhaltende Rezession schlägt nämlich deutlich auf die Umsatz- und Gewinnerwartungen der Unternehmen durch.

So gehen die Analysten gemäß der Konsensschätzung beispielsweise davon aus, dass die Unternehmen im deutschen Mid-Cap-Index MDax auf Sicht von zwölf Monaten im Durchschnitt keinerlei Umsatzwachstum erreichen werden. Und für die Gewinnperspektiven des MSCI World für die kommenden zwölf Monate sind die Analysten auch nicht zuversichtlicher gestimmt. Insofern ist es derzeit das wahrscheinlichste Szenario, dass die Weltbörsen bis in den Herbst hinein kaum nennenswerte Gewinne aufweisen, sondern nahe den aktuellen Niveaus verharren werden. Das ist auch im saisonalen Verlauf ein typisches Bild, denn das dritte Quartal ist meist das schwächste im Jahr. Dies gilt insbesondere für Europa, weil hier die Rezession in Südeuropa stark ausgeprägt ist, was auch auf deutsche Unternehmen durchschlägt, weil dort wichtige Exportmärkte liegen. Zwar wiesen einige Frühindikatoren in den Krisenstaaten zuletzt Erholungstendenzen auf. Ob und in wieweit dies auf die Konjunktur durchschlägt, ist offen.

Impulse könnte es allerdings für den japanischen Aktienmarkt geben, trotz der Tatsache, dass sich der Nikkei mit einem Anstieg im bisherigen Jahresverlauf von rund 40% bereits weit aus dem Fenster gelehnt hat. Mit dem Ausgang der Oberhauswahl wird die Regierungskoalition in Tokio unter Führung des liberaldemokratischen Premierministers Shinzo Abe voraussichtlich freie Hand bei ihrem Versuch haben, durch eine extrem expansive Geld- und Fiskalpolitik die langjährige Stagnation der japanischen Wirtschaft zu überwinden. Bislang hat Abe für Gesetzesänderungen die Zustimmung seiner politischen Gegner im Parlament benötigt.

Kaum Stimulierung

Was den US-Markt betrifft, so sind von Fed keine zusätzlichen Impulse zu erwarten, da die Notenbank längerfristig zu einer Geldpolitik zurückkehren will, wie sie vor der Krise üblich war. Nicht viel Positiveres wird für die laufende US-Quartalssaison erwarten. Viele Analysten rechnen höchstens punktuell mit einer Stimulierung durch die Zwischenberichte und Ausblicke amerikanischer Unternehmen.

Was die längerfristige Perspektive angeht, so bleibt festzuhalten, dass die erklärte Absicht der Fed, wieder zu einer in der historischen Perspektive normaleren Geldpolitik mit höheren Leitzinsen und ohne quantitative Maßnahmen zu gelangen, für die Aktienmärkte erhebliche Risiken birgt. Die Märkte hängen seit dem Ausbruch der Finanzkrise am Tropf der Fed und jede rasche Veränderung oder auch nur ihre Ankündigung könnte - wie sich im Mai und Juni gezeigt hat - heftige Reaktionen an den Börsen auslösen.

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