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Übertriebene China-Ängste, Marktkommentar von Georg Blaha

Frankfurt (ots) - Es scheint die große Stunde der China-Pessimisten gekommen zu sein. Wer der Auffassung ist, dass das rasante Wachstum im Reich der Mitte nur auf einer gigantischen, von unverantwortlichen Polit-Funktionären gesteuerten Blase beruht, die schon bald mit großem Knall platzen wird, dürfte sich von den jüngsten chinesischen Wirtschaftsdaten bestätigt sehen. Zum Wochenschluss deuteten diese in jeder Hinsicht auf eine spürbare Verlangsamung des Wachstums hin. Die Aktienmärkte reagierten am Freitag weltweit mit deutlichen Verlusten, auch dem Dax wurde der Sprung über die Marke von 7000 Punkten verbaut. Während am Donnerstag einige Märkte noch zulegten - getrieben von der Hoffnung, dass Chinas Zentralbank nun entschiedener mit geldpolitischen Stimuli aufwartet -, überwog zuletzt eindeutig der China-Pessimismus. Doch auch wenn die kurzfristige Marktreaktion nachvollziehbar sein mag, so ist sie für das große Bild der Volkswirtschaft überzogen. Chinas Ökonomie steht immer noch äußerst robust da. Zudem hat der chinesische Staat die Ressourcen, im zweiten Halbjahr eine Wende herbeizuführen, lange nicht ausgeschöpft.

Zugegeben: Die Datenlage sieht aktuell trüb aus. Im Juli wuchsen die Exporte aus China nur noch um 1%, erwartet worden war dagegen ein Zuwachs von 5 bis 8%. Die Industrieproduktion legte im gleichen Monat 9,2% zu, so wenig wie seit drei Jahren nicht mehr. Bei den Anlageinvestitionen verharrte das Wachstum bei 20,4%, und auch die Einzelhandelsumsätze kletterten nicht mehr so stark wie in den Vormonaten. Zudem blieb das Wachstum der Kreditvergabe bei 16%.

Politische Kreditvergabe

Aus dem Verein der China-Schwarzseher gab es schon zuvor Mahnungen, dass auch weniger beachtete Konjunkturindikatoren wie die chinesische Kohleförderung oder das rückläufige Wachstum der Glücksspielumsätze in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Macau auf eine Konjunkturdelle hindeuteten. Das alles ist nicht von der Hand zu weisen, ebenso wie die Warnungen vor der Instabilität von Chinas Finanzsektor. Schon länger stehen die Großbanken in der Kritik, Kredite nach politischen Vorgaben und Plänen zu vergeben und dabei nicht auf die Bonität der Unternehmen zu achten. Gleichzeitig bleibt das System der informellen Kreditvergabe durch Schattenbanken und ähnliche Institutionen ein Risikofaktor. Für den Fall einer "harten Landung" der chinesischen Wirtschaft könne die forcierte, möglicherweise zu lockere Kreditvergabe der Großbanken sich als Bumerang erweisen, heißt es in einer aktuellen Studie der WGZ Bank, wenn diese als erhöhter Wertberichtigungsbedarf zu den Banken und damit zur Regierung in Peking zurückkehre.

Trotz all dieser Risikofaktoren bleibt festzuhalten, dass das Bild nicht nur dunkle Schattierungen enthält. So weist die Datenseite aus China keinesfalls eindeutig auf eine harte Landung hin. So legten die viel beachteten Einkaufsmanagerindizes - die staatlichen ebenso wie die von der Großbank HSBC ermittelten - zuletzt wieder zu, auch wenn sie noch unter der Expansionsschwelle liegen. Die im ersten Halbjahr angeschobenen staatlichen Konjunkturmaßnahmen brauchen nicht mehr viel Zeit, bis sie sich entfalten. Und dass sich der Immobilienmarkt der großen Metropolen - die größte Blasengefahr - abgekühlt hat, ist für die mittelfristige Stabilität eine mehr als gute Nachricht.

Bei der WGZ Bank geht man davon aus, dass die Fiskalsituation der Volksrepublik mit einem niedrigen Budgetdefizit und einer geringen öffentlichen Verschuldung erheblichen Spielraum bereithält, in konjunkturellen Schwächephasen Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Bei Barclays sieht man es als hoch wahrscheinlich an, dass China 2012 ein stabilisierender Faktor für die Weltwirtschaft bleibt, nicht zuletzt da die Zentralbank angesichts der aktuell niedrigen Inflation Spielraum für geldpolitische Lockerungsmaßnahmen im dritten Quartal habe.

Ganz risikolos ist die China-Story für Anleger indes nicht. Eine Verschärfung der Eurokrise könnte wie 2008 und 2009 zu einer Risikoscheu in Finanz- und Realwirtschaft führen, unter der China stark leiden würde. Gleichzeitig könnten wiederum noch stärkere konjunkturelle Bremsspuren aus der Volksrepublik in Europa das Sentiment von Investoren und Unternehmen belasten - ein Kreislauf mit höchst unerwünschten Rückkopplungseffekten.

Was den angeblich unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch Chinas angeht, so wurde dieser erstmals 2001 von dem Autor und Anwalt Gordon G. Chang vorhergesagt. Zur Enttäuschung der Schwarzmaler lässt der Crash schon bemerkenswert lange auf sich warten.

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