Börsen-Zeitung

Trübere Aussichten, Börsenkommentar "Marktplatz", von Dieter Kuckelkorn.

Frankfurt (ots) - Die europäische Schuldenkrise hat sich aus Sicht der Investoren in der gerade beendeten Handelswoche noch weiter verschlimmert. Deutlich wird das beispielsweise am Aktienmarkt. So hat der Dax am Freitag 1,9% auf 6630 Punkte eingebüßt, sodass auf Wochensicht nur noch ein kleines Plus von 1,1% herausgekommen ist. Den Vorstoß auf die Marke von 6800 Punkten, die der Dax am Vortag noch ins Visier genommen hatte, musste er abbrechen.

Eindeutig sind auch die Reaktionen am Bondmarkt. Die Flucht in Qualität hat sich verstärkt, sodass die Renditen zweijähriger Titel der als (weitgehend) krisenfest angesehenen Staaten wie Deutschland und sogar Belgien in den negativen Bereich gerutscht sind und sich auch am langen Ende nahe den Rekordtiefs befinden. Die Anleger sind also so sehr auf reinen Kapitalerhalt bedacht, dass sie teilweise auf Rendite verzichten.

Auf der anderen Seite ist die kurze Verschnaufpause für Länder wie Spanien und Italien mit niedrigeren Zinsen bei den Auktionen von Staatsanleihen auch schon wieder vorüber. Zuletzt musste Spanien wieder deutlich mehr bieten, um die eigenen Titel noch unters Investorenvolk zu bringen. Eine Verzinsung zehnjähriger Bonds von 7% und mehr ist für Spanien auf Dauer untragbar, sodass immer mehr Marktteilnehmer davon ausgehen, dass Spanien - aber auch Italien - über kurz oder lang die Fähigkeit verliert, sich über den Kapitalmarkt zu finanzieren und somit vollständig unter den Rettungsschirm schlüpfen muss - vielleicht noch in diesem Jahr, vielleicht auch erst 2013.

Zudem gibt es Verunsicherung wegen der für den 12. September angesetzten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Rechtmäßigkeit des Fiskalpaktes und des European Stability Mechanism (ESM). Das Gericht könnte allen Bemühungen der Errichtung einer Haftungsunion den Garaus machen. Bis zu dieser Entscheidung, so vermuten Analysten, wird sich an den extrem divergierenden Zinsniveaus von Staaten aus dem Kern und der Peripherie der Europäischen Union nicht viel ändern.

Die Unsicherheit setzt auch dem Euro zu. Die Gemeinschaftswährung ist am Freitag wieder unter die Marke von 1,22 Dollar gerutscht. Zu Währungen mit deutlich höherer Verzinsung wie dem australischen und dem kanadischen Dollar ist der Euro sogar auf Rekordtiefs gefallen. Nun lässt sich argumentieren, dass ein schwächerer Dollar im Grunde ein Segen ist, weil er insbesondere exportorientierten Unternehmen aus der Eurozone Rückenwind verleiht und innerhalb der Eurozone die Importe aus anderen Regionen der Welt verteuert. Die Abwertung der Währung könnte sogar zu einer Sonderkonjunktur führen. Damit ist aber, davon sind die Analysten der UBS überzeugt, aktuell in der Eurozone nicht zu rechnen. In weiten Teilen des europäischen Bankensystems sei das Vertrauen abhandengekommen. Volkswirtschaften wie Spanien, Italien, Griechenland und Portugal befänden sich in der Rezession und in der Eurozone sei das Wachstum stark gebremst. Die Experten der Bank gehen davon aus, dass sich die Schwäche des Euro fortsetzt: Für das Jahresende sagen sie einen Stand von 1,15 Dollar voraus, für Ende 2013 ein Niveau von 1,10 Dollar.

Damit stellt sich die Frage, warum sich der Aktienmarkt - abgesehen von der schlechten Stimmung zum Wochenende - noch so gut hält. Dafür gibt es im Grunde nur eine Erklärung: Die Anleger erwarten, dass die Wachstumsschwäche in der Eurozone mittelfristig überwunden wird. Das setzt aber voraus, dass die globalen Notenbanken nochmals in die Vollen gehen und weitere Maßnahmen zur Konjunkturstimulierung beschließen und umsetzen. Dazu sind sie aber noch nicht bereit, wie Ben Bernanke, Chairman der US-Notenbank Fed, bei seinem Auftritt vor dem Kongress in Washington deutlich gemacht hat.

Es gibt aber noch einen kurzfristigen Effekt, der den Aktienmarkt stützen könnte. Wie die Analysten der Helaba anmerken, ist die Quartalssaison bislang positiv ausgefallen. Rund 67% der Unternehmen aus dem S&P500, die bisher ihre Zahlen vorgelegt haben, vermochten positiv zu überraschen. Die Helaba-Experten folgern daraus, dass die Ergebniserwartungen der Analysten nach den zahlreichen Gewinnrevisionen der vergangenen Monate nun endlich ein realistisches Niveau erreicht haben.

Ob die recht positive Entwicklung am Aktienmarkt nachhaltig ist, muss sich aber erst noch zeigen. Das setzt wie erwähnt voraus, dass sich die Notenbanken tatsächlich zu weiteren Eingriffen entschließen. Bleiben diese aus, sind die Kursniveaus bei weiteren schlechten Nachrichten aus Ländern wie Spanien und Italien in Gefahr.

(Börsen-Zeitung, 21.7.2012)

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