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Aufatmen nach dem Rücktritt, Marktkommentar von Dieter Kuckelkorn

Frankfurt (ots) - Am Freitag haben viele Marktakteure aufgeatmet. Die Ära Berlusconi in der italienischen Politik neigt sich unweigerlich ihrem Ende zu, es dürfte sich nur noch um eine Frage von wenigen Tagen handeln, bis sich in Rom eine neue Regierung der nationalen Einheit formiert. Was aber vielleicht noch wichtiger ist: Auf einmal klappt es in dem hoch verschuldeten EU-Kernland wohl auch mit den Reformen. Der Senat, also das Oberhaus, hat am Freitag mit breiter Mehrheit ein erstes Sparpaket verabschiedet, dem am Montag voraussichtlich auch das Unterhaus zustimmen wird. Wenn das geschehen ist, will Berlusconi endgültig den Weg freimachen. Der Dax hat vor diesem Hintergrund den Freitag mit einem deutlichen Plus von 3,2% beendet. Im Wochenverlauf ergibt sich ein leichtes Plus des deutschen Leitindex von 1,5%.

Am Credit-Markt sind die Spreads von Credit Default Swaps auf italienisches Staatsrisiko hingegen nur leicht zurückgegangen und auch beim Euro blieben die Reaktion mit einem Plus von einem US-Cent zurückhaltend. Dafür gibt es einen guten Grund: Viele Marktakteure haben erst einmal abgewartet, wie denn die für den Beginn der neuen Handelswoche angesetzte Bondmarktauktion italienischer Staatsanleihen verläuft. Sollten die von den Investoren geforderten Renditen weiter sehr hoch bleiben oder gar noch weiter steigen, wäre das ein schlechtes Zeichen.

Rezessionsgefahr

Zudem gibt es im Fall Italiens Rückwirkungen, die den Marktteilnehmern zu denken geben. So werden das aktuelle Sparpaket und die wohl erforderlichen weiteren Maßnahmen die Konjunktur in dem Land deutlich dämpfen. Das Wirtschaftswachstum Italiens im kommenden Jahr wird - ohne Einbeziehung der dämpfenden Wirkung des Sparpakets - auf lediglich rund 0,5% geschätzt. Es ist also sehr gut möglich, dass das Land 2012 in die Rezession gerät. Ob es Italien in einem durch Kontraktion der Wirtschaft geprägten Umfeld gelingen würde, das Haushaltsdefizit zu verringern, ist zweifelhaft. Es ist daher auch wegen der hohen Zinsen italienischer Staatsanleihen keineswegs auszuschließen, dass Italien nicht doch noch auf ein Stützungspaket durch EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) angewiesen sein könnte. Eine solche Rettungsaktion würde die European Financial Stability Facility (EFSF) zweifellos überfordern. Die Analysten des Bankhauses Metzler spekulieren daher, dass die EFSF auf die Refinanzierung durch die Europäische Zentralbank angewiesen sein könnte. Ein solcher Schritt wäre sicherlich mit einem enormen Vertrauensverlust für die europäische Gemeinschaftswährung verbunden. Insofern ist nicht damit zu rechnen, dass die Sorgen der Anleger hinsichtlich der europäischen Schuldenkrise nun nennenswert nachlassen.

In einem solchen Umfeld erscheinen nur noch ganz wenige Asset-Gruppen als wirklich sicher. Wenn zehnjährige Bundesanleihen mit ungefähr 1,75% rentieren und der Bund für sechsmonatige Geldmarkttitel kaum noch etwas bieten muss, spricht das Bände. Während Bundesanleihen trotz des Renditetiefs also enorm gefragt sind, werden sich Anleger bei Aktien weiter zurückhalten. Die Jahresendrally wird im laufenden Jahr vermutlich ausfallen, oder sie wird zumindest sehr verhalten verlaufen. Seit Jahresanfang hat der Dax 12% eingebüßt. Dass er das bis Ultimo noch aufholen kann, ist ziemlich unwahrscheinlich.

Nicht ganz aus dem Auge verlieren sollten Anleger auch die USA. Dass auch die Vereinigten Staaten eine Schuldenkrise haben, wird durch die Pleite der US-Gebietskörperschaft Jefferson County in Erinnerung gerufen. Zwar kann der Landkreis im US-Bundesstaat Alabama lediglich die Summe von 4 Mrd. Dollar nicht zurückzahlen und der Antrag auf Gläubigerschutz nach Chapter 11 kam nicht ganz unerwartet. Dennoch bedeutet er ein Menetekel für den 2,8 Bill. Dollar schweren Markt für US-Kommunalanleihen. In den USA sind viele Landkreise und Bundesstaaten über beide Ohren verschuldet.

Einen gewissen Lichtblick für Investoren stellt dagegen Frankreich dar - trotz der Schrecksekunde infolge der irrtümlichen Herabstufung des Landes durch die Ratingagentur Standard & Poor's. Frankreich macht mit der versprochenen Haushaltsdisziplin Ernst. In der beendeten Woche hat der französische Premierminister François Fillon neue Sparmaßnahmen im Volumen von 7 Mrd. Euro angekündigt, um das Defizitziel des Jahres 2012 von 4,5% des Bruttoinlandsprodukts zu erreichen. Selbst bei den Franzosen ist der Sparkurs jüngsten Meinungsumfragen zufolge gut angekommen.

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