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Irgendwie entrückt - Kommentar von Matthias Korfmann

Essen (ots) - Die SPD im Revier war mal eine "Kümmerer"-Partei. Bodenständige Männer und Frauen, im Ton kohlenstaubheiser bis herzlich, kümmerten sich um kleine Leute. Man trank lieber Pils als Wein, organisierte Nachbarschaftsfeste, sammelte Mitgliedsbeiträge persönlich an der Haustür ein und kämpfte wie ein Löwe für jeden Zebrastreifen. Gut, es gab auch schon zu Willy Brandts Zeiten eine andere, feinere Seite der Sozialdemokratie. Elegante Genossen, die Wein, Sonne und Kultur in der Toscana ebenso schätzten wie andere Kohle, Stahl und Bier. Aber insgesamt hatte die Fraktion der Kümmerer die absolute Mehrheit. Wie ist die SPD heute? Kleiner auf jeden Fall, auch älter und, wie Sigmar Gabriel fürchtet, an ihrer Spitze entrückt. Zumindest "die da oben" in den Parlamenten scheinen eher als Genussmenschen wahrgenommen zu werden denn als Genossen. "Zurück zur Haustür, zum kleinen Mann", ist die Devise. Viele Kümmerer sind weg. Schlimmer noch: Im Osten hat die unmenschliche NPD mancherorts diese Rolle übernommen. Gabriel hat recht: Die SPD hat sich von ihrer Klientel entfernt. Er selbst übrigens auch. Nun muss er wieder an der Haustür klingeln.

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