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Dem Eigentum verpflichtet. Leitartikel von Thomas Wels

Essen (ots) - Wenn die Sonne scheint wie in diesen Spätherbsttagen, entfalten die Siedlungshäuser der Margarethenhöhe ganz besonderen Charme. Zu verdanken haben die Essener dieses kuschelige Kleinod der Margarethe-Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge. Wohnungsfürsorge - ein Wort wie aus der Zeit gefallen. Und gerade deshalb ist das bevorstehende 200-jährige Jubiläum der Krupp-Gründung ein Datum, um folgende Frage zu stellen: Geht das heute noch, soziales Engagement trotz harter Wettbewerbskämpfe um die Vorherrschaft auf asiatischen Märkten, ruhr-rheinischer Kuschel-Kapitalismus in Zeiten der Finanzkrise? Es geht, wenn nur die handelnden Personen auf einem soliden Wertefundament stehen und von dort aus am wirtschaftlichen Erfolg der Firma arbeiten. Substanz erhalten ist das eine, gelebte Sozialpflichtigkeit des Eigentums das andere. 615 Millionen Euro hat die Krupp-Stiftung, die mit 25,3 Prozent Großaktionär von Thyssen-Krupp ist, seit ihrer Gründung 1968 für gemeinnützige Zwecke ausgegeben. Das ist keine Selbstverständlichkeit und hängt wie immer an den Menschen. Der 98-jährige Berthold Beitz ist als Stiftungsvorsitzender und Ehrenaufsichtsratschef der Bewahrer dieser Tradition. Und er muss zuweilen dafür ins Geschirr. Wie im April 2009, als der Konzern in schwere Wasser geraten war, ein drastischer Umbau die Sozialpartnerschaft zu zerrütten drohte. Heraus kam ein moderierter und zelebrierter Schulterschluss, genannt "Essener Erklärung". Es ist gewiss kein Zufall, wenn beim Festakt am Sonntag auch der Betriebsratschef das Wort ergreift. Man sollte nichts überhöhen. Wie die soziale Marktwirtschaft Deutschland gut durch die Krise gebracht hat, so sichert das Stiftungsmodell die Tradition und schützt die Eigenständigkeit von Thyssen-Krupp. Vor notwendigen und harten Schnitten (Rheinhausen) schützt beides nicht. Es ist eine Gratwanderung: Balance zu halten und trotzdem voranzukommen. Der Konzern ist mit 6,25 Milliarden Euro verschuldet, muss sich von Unternehmen mit vielen Tausend Beschäftigten trennen, um neue Geschäfte aufbauen zu können. Thyssen-Krupp braucht Geld und eine Firmenkultur mit flacheren Hierarchien. Das ist nicht wenig. Fazit: Es ist dem Konzern, seinen Mitarbeitern und dem Umfeld zu wünschen, dass er den Weg der Erneuerung findet, ohne die Werte und Wurzeln zu verlieren. Eigentum verpflichtet.

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