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Viel mehr als eine Panne. Kommentar von Stefan Schulte

Essen (ots) - So ganz aus Versehen will die Standard & Poor's Frankreich herabgestuft haben. Wer das eine Panne nennt, tut dem Ratingriesen einen großen Gefallen, er geht ihm auf den Leim. Denn das mit dem technischen Fehler ist nicht nur eine dreiste Verniedlichung eines handfesten Skandals. Es ist auch zutiefst unglaubwürdig. Das Geschäft der Ratingagenturen ist die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wohlan: Für wie wahrscheinlich soll man es halten, dass ein wohlformulierter, nach gängiger Branchenpraxis in großer Runde abgesegneter Text gar nicht so gemeint war? Und wie wahrscheinlich ist es wohl, dass er versehentlich verschickt, aber erst nach anderthalb Stunden und nicht sofort zurückgezogen wird? Es fällt schwer, hier keine Absicht zu unterstellen. Und man muss weder Anti-Amerikaner noch Verschwörungstheoretiker sein, um hinter der "technischen Panne" politische Motive zu vermuten. Die Unabhängigkeit der US-Agenturen von Washington war schon immer reine Glaubensfrage. Europa muss darauf reagieren. Aber bitte nicht mit einer ebenfalls politisierten Pro-Europa-Agentur.

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