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Arabische Chancen - Kommentar von Martin Gehlen

Essen (ots) - Tunesiens Ben Ali als schweigender Politflüchtling im saudischen Exil, Ägyptens Hosni Mubarak als bleicher Angeklagter im eisernen Käfig, Libyens Muammar Gaddafi als blutige Leiche auf offener Straße, offenbar gelyncht von den eigenen Landsleuten: Nach dieser Eskalation der Bilder können sich nun die übrigen arabischen Potenta- ten ausmalen, wie sie eines Tages enden werden, wenn sie weiter auf ihr Volk schießen lassen. "Jetzt bist du dran Bashar", skandierten die Menschen in Syrien, wo der Aufstand erstmals die Hauptstadt Damaskus erfasste. "Hast du letzte Nacht gut geschlafen?", schleuderten die Demonstranten Jemens Präsidenten Saleh entgegen. Denn Gaddafis blutiges Ende gibt dem arabischen Aufstand in Syrien und Jemen neuen Auftrieb - und wird den Reformdruck auf die übrigen Regime weiter erhöhen. Die Araber wollen die Zeiten straflosen Machtmissbrauchs ein für allemal beenden, auch wenn Vorreiter Tunesien und Ägypten ihre ersten Schritte nach der Selbstbefreiung als unsicher, zweifelnd und beängstigend erfahren. Tunesien erntete am Sonntag mit den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung die ersten Früchte seiner vor neun Monaten erkämpften Demokratie. Ägypten wird Ende November mit Parlamentswahlen folgen, Libyen im nächsten Jahr. Tunesien und Ägypten haben beim Aufbau von Zivilgesellschaften bereits einiges erreicht. Libyen, Syrien, Saudi-Arabien oder Jemen dagegen stehen noch ganz am Anfang. Und je länger die euphorischen Tage der Revolution zurückliegen, desto klarer wird den neuen arabischen Bürgern, wie jahrzehntelang, mühsam und anstrengend der Weg in offene, liberale Gesellschaften noch werden wird. Die Chancen aber waren noch nie so groß wie heute.

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