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Den Kindern helfen - Kommentar von Birgitta Stauber-Klein

Essen (ots) - Gleichgültig, resigniert, völlig antriebslos: Was Experten von ihren Erfahrungen mit bildungsfernen Eltern erzählen, lässt den Atem stocken und die Erkenntnis reifen: Vielen Kindern ist tatsächlich geholfen, wenn jemand anderes für ihre Ernährung und ihren Tagesablauf zuständig ist als Mutter oder Vater. Die Forderung, Kinder in Schulen kostenlos mit Mittagessen zu versorgen, ist sicher richtig - und doch halbherzig. Denn im Vergleich zu Frankreich oder Skandinavien gibt es an deutschen Schulen keine Tischkultur, die ein familiäres Essen ersetzen könnte. Meistens liefern Großküchen Stunden vorher Gekochtes an, Lehrer sind dann längst zu Hause. Wenn zu Hause noch nicht einmal ein Tisch steht, an dem Kinder essen oder Hausaufgaben machen können, ist unser Schulwesen mit halbherzigen Ganztagsangeboten keine Lösung. Man mag sich darüber ärgern, dass Eltern sich nicht kümmern. Man mag versuchen, sie aufzuklären und aus ihrer Lethargie zu holen. Doch zuerst muss die Gesellschaft den Kindern helfen. Viele von ihnen blühen schnell auf, wenn sie verlässliche Ansprechpartner haben, feste Essenszeiten und einen Platz zum Lernen. Angesichts des dramatischen Geburtenrückgangs können wir es nicht länger verantworten, weiterhin so viele junge Menschen ihrem Schicksal zu überlassen.

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