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Rache statt Recht - Kommentar von Stefan Scholl

Essen (ots) - Nicht dass Julia Timoschenko ein Engel wäre. Ihr wirtschaftlicher Aufstieg zur ukrainischen Ölprinzessin in den wilden 90er-Jahren wurde von zahllosen Verdächtigungen begleitet, so wie ihre politische Karriere, die sie 2004 als Schutzengel der demokratischen "orangen Revolution" in Kiew krönte. Aber Timoschenko überstand alle Ermittlungsverfahren und Schmiergeldaffären unbeschadet. Nun hat ihr alter Rivale Janukowitsch sie für einen zweifelhaften Gasvertrag aburteilen lassen: ein Urteil, geprägt von persönlicher Rachsucht und strategischem Stumpfsinn. Zyniker sagen voraus, dass Janukowitsch Timoschenko nach ein paar Haftmonaten als Denkzettel wieder laufen lassen wird. Das habe er mit der EU ausgemacht, um die anstehenden Integrationsverträge nicht zu gefährden. Aber solange der willkürliche Schuldspruch gegen Timoschenko nicht von einem ukrainischen Gericht aufgehoben wird, ist jeder Vertrag mit der Ukraine eine moralische Blamage für Brüssel. Und solange Janukowitsch in Kiew regiert, ist die Ukraine kein Kandidat für Europa.

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