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Hört Benedikt wenigstens zu! - Leitartikel von Ulrich Reitz

Essen (ots) - Heute spricht zum ersten Mal ein Papst vor dem Deutschen Bundestag. Dieser Papst ist ein Deutscher. Vermutlich werden Hunderte von Jahren vergehen, bis dies ein zweites Mal geschieht. Mit anderen Worten: Es handelt sich um ein einzigartiges Ereignis. In Deutschland darf Jedermann seine Meinung sagen, auch und vielleicht gerade über den Papst. Benedikts Auftritt im Parlament wird nichts daran ändern. Es handelt sich also, das kann man angesichts aufgeregter Wortmeldungen der vergangenen Tage vielleicht einmal feststellen, ausdrücklich nicht um einen Eingriff in die Religionsfreiheit. Auch die in diesen Wochen besonders oft beschworene Trennung von Kirche und Staat steht keineswegs zur Debatte. Selbst wenn der Papst diese Gelegenheit nutzt, für seinen Glauben zu werben, ändert das nichts daran. Viele der Kritiker des Papst-Auftritts, gerade aus Ostdeutschland, leugnen, dass unser Gemeinwesen in seinen Wertvorstellungen zwar nicht nur, aber doch wesentlich auf christlichen Wurzeln steht. "Solidarität ist die säkulare Übersetzung des Gebotes der Nächstenliebe", sagt dazu der ostdeutsche SPD-Mann Wolfgang Thierse. Genau so ist es. Und die im Grundgesetz garantierte Würde des Menschen leitet sich ab aus der christlichen Botschaft, dass jeder Mensch ein Kind Gottes ist, ganz gleich ob arm oder reich. Wir sollten den Papst-Besuch nutzen, um noch einmal nachzudenken. Darüber etwa, ob wir in einem christlich oder materialistisch geprägten Gemeinwesen leben möchten. Die Befreiung der DDR aus der kommunistischen Unfreiheit geht wesentlich auf Christen zurück. Aggressive Atheisten als Staatenlenker, Hitler, Stalin, Pol Pot, haben in diesem Jahrhundert unendliches Leid über die Menschen gebracht. Und auch der politische Islam ist unter dem Gesichtspunkt der Freiheit jedes Einzelnen sicher kein Vorbild. Das Christentum hat sich, auch nach blutigen Jahrhunderten, auf die Trennung kirchlicher und weltlicher Macht eingelassen. Aufklärung gegen Christentum auszuspielen, ist nicht statthaft. Immanuel Kant war Religionskritiker, aber er war überzeugt, dass konsequentes moralisches Handeln ohne den Glauben an Freiheit, Unsterblichkeit und Gott nicht möglich ist. Fazit: Einem Intellektuellen, dem Führer einer Weltreligion, einem Deutschen zudem, im Parlament nicht einmal zuhören zu wollen, ist erschreckend kleinkariert. Eine solche Haltung beschämt auch Atheisten. Es lässt diese Menschen, die sich ihre Haltung oftmals gegen sich und andere erstritten haben, überheblich und intolerant erscheinen.

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