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Migros Museum für Gegenwartskunst: Liz Magor «you you you»

Liz Magor, «Good Shepherd», 2016, Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst. Weiterer Text über ots und www.presseportal.ch/de/nr/100009795 / Die Verwendung dieses Bildes ist für redaktionelle Zwecke honorarfrei. Veröffentlichung bitte unter Quellenangabe: "obs/Migros-Genossenschafts-Bund Direktion Kultur und Soziales/SITE Photography"

Zürich (ots) - Die kanadische Künstlerin Liz Magor (*1948) zählt in ihrem Heimatland zu den einflussreichen zeitgenössischen Bildhauerinnen. Ihre Arbeiten, die sie seit den 1970er Jahren entwickelt hat, dienten einer ganzen Generation jüngerer Kunstschaffender als Referenz. Im Zentrum ihres Schaffens steht die Produktions- und Wertschöpfungskultur sowie die damit verknüpfte ambivalente Beziehung des Menschen zu Konsumgütern. Die retrospektiv angelegte Ausstellung fokussiert auf Skulpturen und Installationen, welche die Künstlerin in den letzten drei Jahrzehnten in ihrem Atelier in Vancouver schuf. Die allegorischen Bildwelten aus gefundenen Alltagsobjekten hinterfragen die idealisierten Naturvorstellungen der modernen Gesellschaft und zeigen die Mechanismen von Begehren und Sucht auf. Kunsthistorisch betrachtet, ist Magors Position aufgrund ihrer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit der materiellen Dingwelt sehr eigenwillig und deren Resonanz in der Kunstwelt einzigartig: Die mit akribischer Sorgfalt gefertigten sockellosen Skulpturen besitzen in ihrer Materialität eine geradezu physische Wirkungskraft. Im Kontext des «material turn», der die jüngere Kunstproduktion sowie die Geistes- und Kulturwissenschaften in den letzten Jahren prägte, erscheint Magors Werk heute aktueller denn je. Das Migros Museum für Gegenwartskunst zeigt die erste umfassende Ausstellung von Liz Magors OEuvre in der Schweiz.

Ausgangspunkt für Liz Magors künstlerische Praxis sind Streifzüge durch Brockenhäuser und Secondhandshops. Dort findet sie - anonymisiert und vom Zufall bestimmt - gebrauchte und nostalgisch aufgeladene Objekte, die das Leben einst behaglich machten, eine dekorative Funktion innehatten oder als persönliche Andenken fungierten. Das Interesse der Künstlerin richtet sich auf das breite Spektrum ausrangierter Alltagsgegenstände - von Kleidung bis Trödel -, deren verlorener Reiz und Anziehungskraft sie im Atelier durch verschiedene Eingriffe wiederherzustellen versucht. Die Ausstellung stellt kürzlich entstandene Arbeiten solchen aus Liz Magors Schaffensphase der 1990er Jahre gegenüber, um thematische und formale Veränderungen in der Entwicklung ihrer Kunst zu untersuchen.

Skulpturen wie «Banff Chair» (1991), «Eddie's White Wonder» (1994), «Tent» (1999) und «Chee-to» (2000) hinterfragen idealisierte Vorstellungen von Natur und Selbstversorgung, die im kollektiven Gedächtnis der nordamerikanischen Kultur verankert sind. Die Erschliessung der Rocky Mountains im 19. Jahrhundert durch die «mountain men» (Pelzjäger, Abenteurer, Entdecker) fand ihren Niederschlag in Alltagsgegenständen und Gerätschaften im Stil dieser Ära. Magor thematisiert diese tief verwurzelte Nostalgie, indem sie mit gezielten Eingriffen ins Material neue Beziehungen zwischen den Objekten herstellt. In ihrem unmittelbaren Kontext verlieren diese so ihre angestammte Bedeutung und können einer Neubetrachtung zugeführt werden.

Nach Ende der 1990er Jahre erweiterte Liz Magor ihre Arbeitsmethode, indem sie Fundobjekte und Abgüsse kombinierte: Zigaretten und halb volle Alkoholflaschen treffen auf Gipsabgüsse von ausrangierten Haushaltsobjekten. Skulpturale Assemblagen wie «Double Cabinet (Blue)» (2001), «Double Cabinet (Rust and Wine)» (2001), «Carton II» (2006) und «Tweed Kidney» (2008) zeugen von Magors Interesse für das Bestreben, Dinge zu erwerben und zu konsumieren, sowie für die daraus entstehenden Folgen. «Getarnt» als gewöhnliche Handtücher- oder Kleiderstapel, entpuppen sich die Gipsabgüsse auf ihrer Rückseite als hohle Behälter, die als Versteck für wirkungsstarke Substanzen fungieren. In formaler Hinsicht thematisieren diese Werke die serielle Produktionsform (Formenbau und Abguss), ohne diese konkret umzusetzen. Im Gegensatz zu den Verfahren der Massenanfertigung oder der «unpersönlichen» Produktion der Minimalisten tragen Magors Werke immer auch sichtbare Spuren ihrer Herstellung.

Magors Interesse an Textilien zieht sich durch ihr ganzes Werk. In Arbeiten wie «Chinese Green» (2011), «Kenwood (salmon)» (2011) und «Phoenix» (2013), die gefundenen Wolldecken zum Ausgangspunkt haben, betont Magor die Spuren von materiellen Schäden durch das Ausbessern von Löchern, dem bewussten Verstärken von Flecken und der Veränderung der Gestalt dieser verschlissenen Objekte. Nach deren Überarbeitung wurden die Skulpturen chemisch gereinigt und in der Schutzfolie einer Reinigungsfirma an Kleiderbügeln präsentiert, wodurch ein wiederkennbares Verfahren, um Dinge zu «schützen», auf ein nunmehr fremdes Objekt angewendet wurde. Die Geste des Sorgetragens, Pflegens und Bewahrens - ein weiterer Aspekt im Kreislauf des menschlichen Konsumverhaltens - verfolgt Magor auch in ihren jüngsten Arbeiten wie «Good Shepherd» (2016) und «Felt Family» (2016).

Mit täuschend echten Abgüssen von Kartonverpackungen, die sie als Sockel für Fundobjekte verwendet, hinterfragt sie die Existenzweisen von Realität und Mimesis und treibt deren Antagonismus gleichsam auf die Spitze.

Liz Magors Arbeiten regen dazu an, über unsere Beziehung zu Dingen nachzudenken, die von obsessivem Begehren über die sorgsame Benutzung bis hin zu Geringschätzung und gewalttätiger Abneigung reichen kann. Ihre künstlerische Auseinandersetzung mit der materiellen Alltagswelt hinterfragt so zentrale ästhetische Kategorien wie Realität und Simulation, Präsenz und Absenz, Aufmerksamkeit und Desinteresse, die sowohl für die Verwertungslogik von Materialien und Objekten als auch für die Ausstellungskultur von Kunstwerken zentral sind. Die reflektierende Herangehensweise der Künstlerin und ihre Kritik an unserer unbewussten Interaktion mit der Dingwelt zeigen sich in ihren Objekten, die sich durch die Ambivalenz von Materialwirkung, Präsentationsform und Erzählstruktur gegen ein unmittelbares Verstandenwerden sträuben.

Die Ausstellung im Migros Museum für Gegenwartskunst wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Kunstverein in Hamburg konzipiert und wird in Partnerschaft mit dem Musée d'art contemporain de Montréal und der Vancouver Contemporary Art Gallery durchgeführt.

Liz Magor (*1948 in Winnipeg, Manitoba) lebt und arbeitet in Vancouver. Ihre Arbeiten wurden international in verschiedenen Einzelausstellungen gezeigt - u. a. in: Musée d'art contemporain de Montréal (2016); Centre d'art contemporain d'Ivry - le Crédac, Paris (2016); Art Gallery of Ontario (2015); Peep-Hole, Mailand (2015); Presentation House Gallery, Vancouver (2014); Henry Art Gallery, Seattle (2008); The Power Plant, Toronto (2003). Liz Magor repräsentierte Kanada an der Venedig-Biennale (1984) und nahm an der Documenta 8 in Kassel (1987) sowie an der Sydney-Biennale (1982) teil.

Die Ausstellung wird kuratiert von Heike Munder (Leiterin Migros Museum für Gegenwartskunst). Zur Ausstellung erscheint in Zusammenarbeit mit dem Musée d'art contemporain de Montréal und dem Kunstverein in Hamburg bei JRP|Ringier eine monografische Publikation mit Beiträgen von Dan Adler, Lesley Johnstone, Liz Magor, Heike Munder, Bettina Steinbrügge, Ian Carr-Harris, Géraldine Gourbe, Trevor Mahovsky, Isabelle Pauwels, Chris Sharp und Corin Sworn.

Kontakt:

René Müller, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Migros Museum
für Gegenwartskunst: rene.mueller@mgb.ch, T +41 44 277 27 27



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