Migros-Genossenschafts-Bund Direktion Kultur und Soziales

Migros Museum für Gegenwartskunst Resistance Performed - Aesthetic Strategies under Repressive Regimes in Latin America

Lenora de Barros, Poema, 1979/2012, Schwarzweissfotografie, 6 Teile: je 35.5 x 32.2 cm, Daros Latinamerica Collection, Zürich, Foto: Fabiana de Barros, Reproduktion: Peter Schälchli

Zürich (ots) - 3Nós3 (BRA) - Elías Adasme (CHI) - Sonia Andrade (BRA) - Martha Araújo(BRA) - Lenora de Barros (BRA) - Paulo Bruscky (BRA) - CADA (Colectivo Acciones de Arte) (CHI) - Luis Camnitzer (URU) - Graciela Carnevale (ARG) - Antonio Caro (COL) - Antonio Dias (BRA) - Eugenio Dittborn (CHI) - León Ferrari (ARG) - Nicolás Franco (CHI) - Anna Bella Geiger (BRA) - Grupo de Arte Callejero (ARG) - Graciela Gutiérrez Marx (ARG) - Voluspa Jarpa (CHI) - Gastão de Magalhães (BRA) - Anna Maria Maiolino (BRA) - Antonio Manuel (BRA) - Cildo Meireles (BRA) - Marta Minujín (ARG) - Carlos Motta (COL) - Letícia Parente (BRA) - Luis Pazos (ARG) - Pedro Reyes (MEX) - Lotty Rosenfeld (CHI) - Yeguas del Apocalipsis (CHI) - Horacio Zabala (ARG) - Sergio Zevallos (PER)

21.11.2015-07.02.2016

Vernissage: Freitag, 20.11.2015, 18-21 Uhr

Die Ausstellung Resistance Performed - Aesthetic Strategies under Repressive Regimes in Latin America präsentiert künstlerische Strategien des Widerstandes. Im Zentrum stehen historische Positionen aus Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Peru und Uruguay, die seit Ende der 1960er Jahre die oftmals lebensbedrohliche Opposition in repressiven politischen Systemen Lateinamerikas bezeugen. Schwerpunkt der Ausstellung sind Strategien der Sprachermächtigung in Form von Performances, Interventionen und Aktionen als Praktiken des Widerstands. Dazu im Dialog stehen Werke von zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen aus Mittel- und Südamerika, welche die Folgen und Auswirkungen von Diktaturen aufgreifen. Die Ausstellung ruft in Vergessenheit geratene Positionen in Erinnerung und macht auf Künstler aufmerksam, die von der Kunstgeschichtsschreibung noch nicht berücksichtigt wurden.

Die Ausstellung präsentiert Formen des künstlerischen Widerstands, die sich in repressiven Systemen verschiedener Länder Lateinamerikas seit Ende der 1960er Jahre über mehrere Jahrzehnte herausgebildet haben. Künstler verfolgten dabei unterschiedliche experimentelle und konzeptuelle Strategien. Zentral in der Ausstellung sind Werke, die performative Strategien aufgreifen, um Machtdispositive sichtbar zu machen. Diese manifestieren sich in Normierungen, Verboten und Reglementierungen unter anderem im öffentlichen Raum, in Kommunikationssystemen und am eigenen Körper. Zum Beispiel gehört Elías Adasme (*1955, Chile) zusammen mit Lotty Rosenfeld (*1943, Chile) und dem Künstlerkollektiv CADA (1979-1989, Chile - mit Raúl Zurita, Fernando Balcells, Diamela Eltit, Lotty Rosenfeld und Juan Castillo) zu einer Gruppe von Kunstschaff enden, die in den späten 1970er und 1980er Jahren mit Interventionen, Aktionen und Performances im öff entlichen Raum versuchten, der paralysierten chilenischen Gesellschaft eine alternative «Narration» zur Militärdiktatur Pinochets zu bieten. Rosenfeld setzte weltweit Markierungen auf Verkehrsflächen und thematisierte damit die Vereinnahmung des öff entlichen Raums als Schauplatz diktatorischer Systeme. Auch das Kollektiv 3Nós3 (Mário Ramiro, *1957, Brasilien; Hudinilson Jr., 1957-2013, Brasilien; Rafael França, 1957-1991, Brasilien/USA) verfolgte dieses Ziel mit gross angelegten Aktionen im Stadtraum von São Paulo, mit denen sie den Verkehr zum Erliegen brachten. Der brasilianische Künstler Antonio Dias (*1944, Brasilien) dagegen verweist mit seiner skulpturalen Arbeit auf die Symbole des Protests im öff entlichen Raum und fokussiert die Paradoxien der Grenzziehung.

Partizipativ angelegt sind die Arbeiten der argentinischen Performance- und Konzeptkünstlerin Marta Minujín (*1943, Argentinien) und des Brasilianers Cildo Meireles (*1948, Brasilien). Aus 30'000 während der Diktatur verbotenen Büchern, darunter die Schriften von Marx, Freud, Sartre oder Foucault, fertigte Minujín eine Nachbildung des Parthenons zur Feier der Wiederherstellung der Demokratie an. Nach Ausstellungsende wurde Partenón de Libros (1983) abgebaut und die Bücher ans Publikum verteilt. Meireles benutzte in seinen Arbeiten die Vertriebswege der Wirtschaft, indem er mit Botschaften versehene Geldscheine oder Coca-Cola-Flaschen in den Verbraucherkreislauf einspeiste und die Konsumenten dadurch zu aktiven Teilnehmern seiner Aktion machte. Die Idee, Informationen und Kunstwerke ausserhalb institutioneller Strukturen zu platzieren, greift auch die Bewegung der Mail Art auf, zu deren Vertretern Paulo Bruscky (*1949, Brasilien) und Graciela Gutiérrez Marx (*1945, Argentinien) zählen. Eugenio Dittborn (*1943, Chile) entwickelte während des Pinochet-Regimes in Anlehnung an die Praxis der Mail Art seit 1986 die sogenannten Airmail Paintings, die er zusammengefaltet versandte.

Weiter steht der Körper im Zentrum künstlerischer Untersuchungen, um Grenzen der Selbstbestimmung herauszukristallisieren. In einer partizipativ angelegten Installation animiert Martha Araújo (*1943, Brasilien) die Besucher mithilfe von Handlungsanweisungen, die physischen Grenzen des eigenen Körpers zu erfahren. Das Duo Yeguas del Apocalipsis (Pedro Mardones Lemebel, 1955-2015, Chile; Francisco Casas Silva, *1959, Chile) und Sergio Zevallos (*1962, Peru) thematisieren in ihren performativen Arbeiten immer wieder Fragen zur politischen Dimension von geschlechtlicher und sexueller Identität und den damit verbundenen Normierungen. Wie sich Ereignisse und Erlebnisse in den Körper einschreiben, beschäftigt Gastão de Magalhães (*1953, Brasilien). Die Künstlerinnen Sonia Andrade (*1935, Brasilien), Lenora de Barros (*1953, Brasilien), Anna Bella Geiger (*1933, Brasilien) und Anna Maria Maiolino (*1942, Italien) erweitern mit ihren Arbeiten die Ausstellung um eine feministische Perspektive.

Mit den Dimensionen und Auswirkungen der medialen Infiltrierung beschäftigt sich - mittels künstlerischer Aneignung - der in Brasilien lebende Künstler Antonio Manuel (*1947, Portugal). 1973 modifizierte er die Titelseiten der Boulevardzeitung O Dia mit seinen Inhalten und unterwanderte damit eines der wirksamsten und populärsten Organe von Propaganda: die Tagespresse. Welche Dynamiken die Presse bei der Meinungsverbreitung für eine neue künstlerische Praxis von politischem Aktionismus entwickelte, dokumentiert das in ausgewählten Teilen präsentierte Archivo Tucumán Arde. Das von Graciela Carnevale (*1942, Argentinien) mitbegründete und bis heute geführte Archiv zeigt Entwicklungen, Radikalisierung und Politisierung einer in Argentinien tätigen Künstlergeneration sowie deren theoretischen Kontext auf. Einen weiteren Blick der Erinnerung eröffnet die Arbeit Uruguayan Torture Series (1983/84) von Luis Camnitzer (*1937, Deutschland). Die 35-teilige Serie von Fotoradierungen ruft die Schicksale einiger seiner Freunde in Erinnerung und visualisiert deren in Gefangenschaft erlittenen physischen und psychischen Qualen. Verweigerung als letzten Ausweg schlägt dagegen Horacio Zabala (*1943, Argentinien) vor. In seinen Zeichnungen imaginiert er eine düstere architektonische Dystopie, in ,der zukünftiges Leben nur in Kolonien unter der Erde, fernab von jedweder Form von Kommunikation zur Aussenwelt möglich scheint.

Eine jüngere Generation von Künstlern, die mit dem schweren Erbe eines repressiven Regimes gross geworden ist - so das Kollektiv Grupo de Arte Callejero (1997 in Argentinien gegründet, mit Lorena Bossi, Carolina Golder, Mariana Corral, Vanesa Bossi und Fernanda Carrizo), der Künstler Nicolás Franco (*1973, Chile) und Voluspa Jarpa (*1971, Chile) -, hat sich die Arbeit gegen das Vergessen, aber auch die Folgen solcher Diktaturen zum Thema gemacht. Carlos Motta (*1978, Kolumbien) oder Pedro Reyes (*1972, Mexiko) beziehen sich auf Problemstellungen der Gegenwart und zeigen, wie sich Repressionen der Vergangenheit auf die Zukunft auswirken.

Die Ausstellung wird kuratiert von Heike Munder (Leiterin, Migros Museum für Gegenwartskunst).

Kontakt:

Für weitere Informationen und Bildmaterial wenden Sie sich bitte an
René Müller, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit:
rene.mueller@mgb.ch
T +41 44 277 27 27



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