Urner Wochenblatt

Media Service: Der Urner Polizeikommandant zum 1.-August-Einsatz auf dem Rütli Hat sich die Polizei beweisen müssen?

Reto Habermacher, Kommandant der Kantonspolizei Uri. Foto: Markus Arnold (Archivbild Urner Wochenblatt)

      Urn (ots) - In diesem Jahr war es während der 1.-August-Feier
auf dem Rütli ruhig. Keine extremen Gruppierungen haben die Bundesfeier
für eigene Propaganda nutzen können. Doch auch unbescholtene
Bürgerinnen und Bürger wurden vom Rütli verwiesen. Wie war dies
möglich? Der Urner Polizeikommandant Reto Habermacher äussert sich
hierzu.

    Reto Habermacher, wie würden Sie reagieren, wenn man Sie – Sie tragen ja selber eine Glatze – als «risikobehaftete Person» vom Rütli abgeführt hätte?

    Reto Habermacher: «Ich würde mich verletzt fühlen. Wahrscheinlich würde ich reklamieren und eine Entschuldigung oder zumindest eine Erklärung verlangen.»

    An der 1.-August-Feier auf dem Rütli sind solche Szenarien passiert. Unbescholtene Bürger erhielten trotz Ticket keinen Zutritt oder wurden gar abgeführt. Warum?

    Reto Habermacher: «Der Auftrag der Polizei war, dafür zu sorgen, dass auf dem Rütli eine ruhige, ungestörte und würdige Feier ohne Störaktionen stattfinden kann. Das haben wir zu 100 Prozent erreicht. Wir sind überzeugt, dass für die Erfüllung dieser Aufgabe ein solches Dispositiv, wie wir es angewendet haben, notwendig war. Allerdings kann man bei der Umsetzung des Auftrages nicht verhindern, dass ein – hoffentlich sehr kleiner – Prozentsatz 'Opfer' dieses Systems wird.»

    Der polizeiliche Gesamtaufwand soll rund 1 Million Franken betragen haben. Polizisten in Kampfmontur mitten in Brunnen, Superpuma- Helikopter die patrouillieren et cetera: Es entstand fast der Eindruck, es handle sich um ein grosses «Polizeispiel», an dem sich die Polizisten mal richtig beweisen können.

    Reto Habermacher: «Das ist ein absolutes Trugbild. Aufgrund von Erfahrungen bei ähnlichen Veranstaltungen weiss man, dass die Kreise, die ein solches Dispositiv durchbrechen wollen, alles versuchen, um zum Ziel zu kommen. Wir wurden auch an allen Ecken von den extremen Gruppierungen 'getestet'. Wären diese nicht aus dem Gebiet hinausbefördert worden, hätte das Katz-und-Maus-Spiel kein Ende genommen. Von irgendwelchen Spielen kann nicht die geringste Rede sein.»

    Was für Leute galten als «risikobehaftet» und wurden weggewiesen?

    Reto Habermacher: «Aufgrund von Äusserungen, Verhalten, Kleidung oder Zustand – zum Beispiel bei alkoholisierten Personen – musste an den Zutrittskontrollen entschieden werden, ob Personen potenzielle Störer sind. Auch Gepäckkontrollen gaben Aufschluss. Es ist schon so: Ein Stück weit waren dies Gefühls- und Bauchentscheide.»

    Wer trug die Verantwortung für solche Entscheide?

    Reto Habermacher: «Grundsätzlich entschied der Einsatzleiter des entsprechenden Einsatzortes. In Brunnen hatte Herbert Ammann als Vertreter der Organisatoren ein gewichtiges Wort zu sagen.»

    Man war sich also bewusst, dass auch unbescholtene Bürger weggewiesen würden?

    Reto Habermacher: «Absolut. Es ist, wie bereits erwähnt, bei einem solchen System unumgänglich, dass auch einige Leute unberechtigterweise abgewiesen werden. Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass sich Betroffene verletzt fühlen und verärgert sind.»

    Betroffene Personen äusserten sich, dass sie sich «ausgestellt» und wie Verbrecher gefühlt hätten.

    Reto Habermacher: «Ich denke, dies ist eine stark überzeichnete Beurteilung. Gerade auf dem Rütli war dies nicht der Fall. Dort wurden die Leute diskret von der Polizei wegbegleitet und – ich betone – nicht etwa abgeführt. Insgesamt haben wir zwölf Personen mit dem Polizeiboot vom Rütli weggeführt. Nach unserer Ansicht wurden diese absolut anständig und vernünftig behandelt. Wir hatten diesbezüglich auch positive Reaktionen erhalten, man sei sehr anständig behandelt worden. Aber es ist nicht zu umgeben, dass diese Leute ein Stück weit 'ausgestellt' werden.»

    Sie haben eingangs erwähnt, dass Sie sich persönlich beschweren würden, wenn Sie unberechtigterweise weggewiesen worden wären. Sind bei der Kantonspolizei Uri bisher solche Beschwerden eingetroffen?

    Reto Habermacher: «Ja, bisher ist eine Beschwerde vom Vater eines Besuchers, den wir vom Rütli zurückgewiesen haben, eingegangen. Diese wird im Moment im Detail geprüft. Wir werden entweder erklären, warum wir so vorgegangen sind oder – im Falle eines Fehlentscheides – uns entschuldigen. Es ist üblich, dass jemand, der sich beschwert, von uns sofort eine Eingangsbestätigung und – je nach Abklärungsaufwand – ein paar Tage später eine sachliche Antwort erhält.»

    Welche Lehren werden aus den Erfahrungen der Bundesfeier auf dem Rütli gezogen?

    Reto Habermacher: «Selbstverständlich werden wir unsere Erfahrungen auswerten und im Hinblick auf kommende Veranstaltungen kritisch hinterfragen, um da und dort Korrekturen anzubringen. Brauchen wir so viele Mittel? Braucht es diese an diesem Ort? Können wir dezenter auftreten? Ich gehe auch davon aus, dass in den nächsten Wochen bei den mitwirkenden Polizeikorps weitere Reaktionen und Beschwerden eingehen werden. Dieses werden wir beantworten, sammeln und auswerten.»

    Ist ein solcher Aufwand, wie er heuer betrieben wurde, für eine Bundesfeier überhaupt angemessen?

    Reto Habermacher: «Diese Frage wird in der Zukunft sicherlich zu diskutieren geben. Aber man muss sich schon bewusst sein: Die Situation ist in den vergangenen Jahren immer mehr eskaliert.»

Reto Habermacher, herzlichen Dank für das Gespräch! Interview: Markus Arnold, Urner Wochenblatt

Bild: (www.presseportal.ch) Reto Habermacher, Kommandant der Kantonspolizei Uri. Foto: Markus Arnold (Archivbild)



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