Werbewoche

Nachrichten aus Entenhausen - Editorial der heute erschienen Werbewoche 6/2017

Zürich (ots) - Facebook macht dieser Tage eine ganz neue Form des «Journalismus» salonfähig: erst schreiben, dann prüfen; erst posten, dann denken. In den Sozialen Medien und im Boulevard ist das Prozedere längst üblich, erst lautstark Neuigkeiten zu kolportieren - um allenfalls am Folgetag auf Seite drei eine Richtigstellung zu bringen. Wenigstens sprach Blick zuerst mit dem Toten. Und hat den Umsatz bereits in der Tasche, wenn Zurückkrebsen angesagt ist.

Dass sich Social-Media-Portale mittlerweile als Newsverbreiter etabliert haben, daran haben wir uns gewöhnt. Heute hat mans nicht mehr in der NZZ oder dem Tagi gelesen, sondern bei Xing und Facebook. Doch was Facebook nun macht, verursacht Magenschmerzen: Seit Anfang März werden auf dem Portal Artikel gepostet, von denen man sich nicht ganz sicher ist, ob die Nachricht auch stimmt. Oder genauer: Die Artikel, bei denen man vermutet, dass die Nachricht eine Ente sein könnte, werden mit einem roten Ausrufezeichen und dem Hinweis disputet news, «umstrittene Nachricht», gekennzeichnet - bis der Beitrag von beauftragten Fakten-Checkern kontrolliert wurde, was Tage dauern kann. Na sowas. Früher ging man davon aus, dass Journalisten ab und zu trotz sorgfältiger Prüfung einer Falschmeldung aufsitzen und sie weiterverbreiten. Meist führte die Jagd nach der überraschenden Story unter enormem Zeitdruck und mit dem Chefredaktor im Genick zu solchen Fehlern. Und zu grosser Schmach für den Schreiber.

Heute entledigt man sich der in der Berufsethik festgenagelten Sorgfaltspflicht ganz schlicht mit einem Button. Wenn sich jemand beschwert, das stimme ja alles gar nicht, kann man darauf verweisen, dass man erwähnt hat, dass das Berichtete jeder Grundlage entbehren könnte. Liebes Facebook, gehts eigentlich noch? Prüft Meldungen, oder verbreitet sie gar nicht erst. Und brüstet Euch bitte nicht damit, im Kampf gegen Fake-News wirklich alle journalistischen Grundsätze zu unterwandern. Trudi Gerster ist ein anderes Metier! Würden Sie sich operieren lassen, wenn der Arzt vor der Operation darauf hinweisen würde, dass der Eingriff auch zum Tod führen kann? Würden Sie Ihr Geld einem Anlageberater anvertrauen, der Ihnen bei Vertragsabschluss die Adresse der Schuldnerberatung in die Hand drückt? Klar birgt das Leben Risiken. Aber man kann sich doch nicht aus der Verantwortung stehlen, indem man darauf hinweist, dass alles auch ganz anders sein kann, als vorgesehen, gewünscht, berichtet. Ich halte es da lieber mit einem Klassejournalisten der alten (nicht veralteten!) Schule, dem deutschen ZDF-Moderator Claus Kleber. In der Anmoderation zu einem «heute-journal»-Bericht über die Inszenierung von Carl Zuckmayers «Der Hauptmann von Köpenick» am Theater Altenburg in Ostthüringen hatte Kleber gesagt: «Zuletzt fiel Altenburg auf durch einen Aufmarsch des Pegida-Klons Thügida. Reporter notierten damals, dass in Schrebergärten schwarz-weiss-rote Reichsfahnen so präsent sind wie das Schwarz-Rot-Gold der Bundesrepublik.» Darüber echauffierten sich die Kleingärtner und erstatteten Strafanzeige gegen Kleber. Der Vorsitzende der Gartenfreunde sagte der Ostthüringer Zeitung, eine verbreitete Fremdenfeindlichkeit sei den Kleingärtnern fremd.

Kleber aber war sich seiner Sache sicher: An seiner Moderation sei nichts falsch und nichts richtigzustellen, teilte der Moderator mit. Genau. Denn er hatte wie immer gut recherchiert und klug formuliert. Schliesslich zitiert er den Eindruck von Reportern, einer von Kleber geprüften und offensichtlich als vertrauenswürdig erachteten Quelle. Die Staatsanwaltschaft Gera wies die Klage der Kleingärtner ab. Stellen Sie sich vor, Kleber hätte im «heute-journal» gesagt: «Ich weiss nicht genau, ob es stimmt, ich war noch nie in Altenburg. Aber irgendwer hat mir erzählt, dass die da Reichsfahnen schwenken» - und im unteren Bildrand würde ein rotes Ausrufezeichen eingeblendet mit dem Hinweis «vielleicht Fake-News».

Donnerwetter! Heute meint jeder, er beherrsche Journalismus, selbst Facebook und Schrebergärtner. Das Einzige, was wir dagegen machen können, ist guter Journalismus. Zumindest unsere Leser, Hörer und Zuschauer werden das honorieren. Und um die geht es schliesslich. Das Einzige, was wir machen können, ist guter Journalismus.

Anne-Friederike Heinrich, Chefredaktorin Werbewoche

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