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Die Panikmacher in den Redaktionen - die Lehren aus 2011

Wien (ots)

Machen die Medien den Menschen Angst? Ja, wenn sie in Verkennung ihrer Aufgaben Krisenberichterstattung betreiben. Dann benötigen sie nicht einmal ein außerordentliches Krisenjahr wie 2011, um ihr Publikum zumindest kurzfrist, auf jeden Fall unnötig in Panik zu versetzen. Bei der Podiumsdiskussion von Chefredakteuren und Fachleuten aus dem Universitätsbereich über "Die Angst und die Medien - wie viele schlechte Nachrichten vertragen die Menschen?" waren sich die Teilnehmer am 8. Mai, dem zweiten Tag des European Newspaper Congress in Wien, einig, dass Medien gar nicht generell den Trip der Angstmacherei wählen. Wirklich? Mit schweizerischer Offenheit bestätigte der Chefredakteur der "NZZ am Sonntag", Felix Müller: "Die Wahrheit ist, dass wir Journalisten von den Ängsten leben und dabei auch Emotionen auslösen."

Deshalb stürzt die Welt nicht zusammen, denn eines stimmt garantiert auch - je bedrohlicher die Krise, desto größer wird das Informationsbedürfnis der Menschen, zumindest am Anfang. Bei der Fukushima-Katastrophe erzielte die "Zeit im Bild" des ORF an den ersten drei Tagen Rekordeinschaltungen von 1,3 bis 1,6 Millionen Zusehern, berichtete ORF-Chefredakteurin Waltraud Langer: "Wir können nicht warten, bis alles geklärt ist. Wir müssen alles transparent machen. Wir sagen alles, was wir zu dem Zeitpunkt wissen. Wenn wir es nicht sicher wissen, haben wir auch dafür eine Sprachregelung. Auf jeden Fall ist es die große Stunde der Hintergrundberichterstattung, weil sich Leute für etwas interessieren, wofür sie sich normalerweise nicht interessieren." Jürgen Grimm, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Wien, und der Vize-Präsident des Berufsverbandes Österreichischer Psychologen, Cornel Binder-Krieglstein, sind mit diesem Gedankengang einverstanden. Journalisten reagieren professionell auf die Ängste des Publikums, sagt Grimm. "Das ist kein Bedürfnis nach Angst, sondern stillt einen Angstbewältigungsbedarf. Medien bieten dafür mehr Hilfe, als sie Angst produzieren."

Binder-Krieglstein ist nicht einmal sicher, ob wirklich alle Leute ängstlicher werden, wie behauptet wird. Er versperrt einer möglichen Fluchtaktion Richtung Biedermeier den Weg. "Wir müssen mitgehen. Heute sind Rettungswagen fahrende Intensivstationen, aber soll ich deshalb Angst vor einem Herzinfarkt haben?" Es gehe darum, wie Medienkonsumenten mit bedrohlichen Situationen umgehen sollen. So auch Langer: "Jeder muss sich darauf verlassen können, dass berichtet wird, was passiert. Wir können keine Tabus schaffen."

Der Begriff "Entschleunigung", der schon am ersten Kongresstag eine Rolle gespielt hat, kommt ins Spiel. Berichten ja, aber man muss ja nicht gleich am ersten Tag einer Katastrophe, wenn noch alles undurchsichtig ist, kommentieren, empfiehlt Chefredakteur Carsten Erdmann von der Berliner Morgenpost. In einer Regionalzeitung müsse das Thema sowieso anders aufbereitetet werden. Was bedeute die Euro-Krise für Gemeinde? "Da gibt es berechtigte Ängste. Wir empfehlen den Redakteuren: Schreibt den Artikel so, als würde es um euer Geld gehen." Binder-Krieglstein: Es sei wichtig zu fragen, wie sich ein Ereignis konkret auf die Person auswirke. Das Hauptinteresse am Anfang laute immer: Bin ich betroffen? Da müsse eine Antwort kommen. Auswirkungen auf die ganze Welt gehören zur sekundären Angst.

Strahlen Berufsängste der Journalisten auf die Berichterstattung oder gar auf das Publikum aus, fragt Diskussionleiter Rainer Nowak, Co-Chefredakteur der "Presse", und stößt auf Skepsis. Folgt man Chefredakteur Erdmann, so geht bei der Sprnger-Zeitung "Berliner Morgenpost" keine Angst um. Bei Chefredakteur Müllers "NZZ am Sonntag", kehren Journalisten gleich das Positive hervor: "Wenn wie im arabischen Frühling die Guten gewinnen und die Bösen stürzen, dann ist das eine tolle Geschichte. Es gibt vielleicht doch Gerechtigkeit und Fortschritt." Nur Krisenberichterstattung wollen seine Leser sowieso nicht, sondern ein "Gesamtangebot".

Mit Grimms konstruktiver Darstellung können alle am Podium leben: Die Abschaltung des letzten Atomreaktors in Japan zeige, dass mit der Katastrophe auch wirklich etwas passiert sei, und zwar auch Positives. Beim Euro und bei Griechenland sei das allerdings nicht so. Aber, ergänzt Binder-Krieglstein, dieser Komplex schaffe bei den Österreich ein Bewusstsein dafür, dass ihr Land keine Insel der Seligen sei.

Kontakt:

Johann Oberauer, Tel. 0043 664 2216643

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