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Discours Suisse - Fremdsprachenuntericht in der Primarschule - Graubünden ist auch sprachlich eine kleine Schweiz

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Von Ruedi Lämmler

    Chur (sda/ots) Graubünden, der gebirgigste und grösste Kanton, gilt als kleine Schweiz. Eine Schweiz im Miniformat ist das Bündnerland auch sprachlich und in der Sprachenpolitik - ein klassischer Sonderfall.

    Ein Viehmarkt irgendwo in Graubünden. Mehrere Bauern sind vertieft in ein Wörterbuch. "Manchmal verstehen wir Bündner uns selbst nicht", lautet der Kommentar zum Reklamebild für Ferien in Graubünden.

    Das Plakat hat durchaus Realitätsbezug. Unterschiedliche Idiome sprechende Rätoromanen aus dem Bündner Oberland und dem Unterengadin benutzen bisweilen das Deutsche, um sich zu verständigen. Es ist wie bei Ostschweizern und Westschweizern, die sich des Englischen bedienen, wenn sie sich sonst nicht verstehen.

    Einziger dreisprachiger Kanton

    Graubünden ist der einzige dreisprachige Stand. Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch sind die Kantonssprachen. Die Dreisprachigkeit wird überlagert von nicht weniger als fünf rätoromanischen Idiomen, die wegen eigener grammatikalischer Regeln mehr sind als blosse Dialekte.

    Zusätzlich kompliziert die einheitliche Schriftsprache Rumantsch Grischun die Sprachenlandschaft. Die Einheitssprache, als Mittel zur Rettung der erodierenden vierten Landessprache geschaffen, soll bald in den Schulen unterrichtet werden, was umstritten und ein hochbrisantes Sprachpolitikum in der Rumantschia ist.

    Unikum bald auch in der Frühfremdsprache

    Ein Unikum ist der Sprachenunterricht in den Schulen ohnehin. Italienisch ist in Deutschbünden seit 1999 Frühfremdsprache ab der vierten Primarklasse. Der Kanton Uri führte Italienisch ab der fünften Klasse im Jahre 1994 ein, wechselt aber ab dem Schuljahr 2005/06 auf Englisch.

    Solch ein Wechsel ist nicht vorgesehen. Englisch soll auch nicht, wie von der Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK) empfohlen, als zweite Fremdsprache in der Unterstufe eingeführt werden. Die Bündner Regierung will zuerst Erfahrungen mit dem Sprachenfächer sammeln und sich punkto zweite Fremdsprache alle Optionen offenhalten.

    Englisch unverzichtbar

    Italienisch als Frühfremdsprache hat das Konzept für den Sprachenunterricht an der Volksschul-Oberstufe von der siebten bis zur neuten Klasse präjudiziert. Weil der Italienischunterricht fortgeführt werden sollte und die Weltsprache Englisch als unverzichtbar galt, fiel das Französische durch die Maschen und wurde zum Freifach zurückgestuft.

    Die Nachfrage von Schülerinnen und Schülern nach Französisch hält sich sehr in Grenzen, wie Erfahrungen zeigen. Das hat nichts mit Abneigung zu tun. Der Grund liegt vielmehr bei der schon grossen Belastung durch andere Schulfächer.

    Ohne Franz-Obligatorium

    Bricht der Kanton am Südostzipfel der Schweiz deshalb weg von der Romandie? "Was heisst von der Romandie? Graubünden bricht weg vom Rest der Schweiz", meint Sandro Steidle, Französischlehrer an der Kantonsschule in Chur. Graubünden sei der einzige Kanton ohne obligatorischen Französischunterricht an der Volksschule.

    Steidle wollte das Steuer herumreissen. Eine von ihm mitinitiierte Volksinitiative zur Aufwertung des Französischen als Wahl-Pflichtfach an der Oberstufe wurde von der Regierung heftig bekämpft und an der Urne abgelehnt.

    Nachteile beim Kantonswechsel

    Das Sprachenkonzept an der Bündner Volksschule benachteiligt Schülerinnen und Schüler, die in einen anderen Kanton wechseln. Es kann Eltern mit Kindern aus anderen Kantonen davon abhalten, Wohnsitz in Graubünden zu nehmen. "Das hätte nicht sein müssen", bedauert Steidle.

    Auch im ausserkantonalen Arbeitsmarkt können junge Bündnerinnen und Bündner Probleme bekommen - in der kaufmännischen Branche etwa. Peter Massüger, Konrektor an der Wirtschaftsschule KV Chur, sieht Schwierigkeiten, wenn junge Berufsleute eine Stelle suchen, da Französischkenntnisse im Rest der Schweiz weit häufiger als in Graubünden verlangt werden.

    Italienisch keine Bedrohung

    Regierungsrat Claudio Lardi, aus dem italienischsprachigen Puschlav stammend, kann sich in der Sprachenpolitik auf einschlägige Volksentscheide berufen. Aus dem Welschland seien ihm wegen der Rückstufung des Französischen keine negativen Reaktionen bekannt, sagt er. Die besondere Situation des Kantons werde anerkannt.

    "Die Gefährdung des Französischen kommt nicht vom Italienischen, sondern von der englischen Sprache", betont der Erziehungsdirektor, der in der Umsetzung der sprachpolitischen Beschlüsse keine einfache Aufgabe hatte.

    In der regierungsrätlichen Botschaft zum Sprachkonzept auf der Volkschul-Oberstufe steht der erhellende Satz, dass es im Grunde keine Lösung gegeben habe, mit der alle zufrieden gewesen wären. Eine Aussage, die für alle gutschweizerischen Sprachkompromisse Gültigkeit haben dürfte.

    Notiz: Die vorliegende Meldung erscheint im Rahmen der zweiten Ausgabe des Projektes Discours Suisse. Hinter diesem Projekt, das zur Verständigung zwischen den Sprachregionen beitragen will, stehen das Forum Helveticum, das Netzwerk Müllerhaus und die sda. Nähere Informationen sind im Internet unter www.discours-suisse.ch zu finden. Die Email-Adresse lautet info@discours-suisse.ch

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