Nuklearforum Schweiz

Tagung des Nuklearforums Schweiz: Ein Blick nach vorn: Tschernobyl und die Kernenergie

    Bern (ots) - Am 26. April 1986 ereignete sich der schwere Unfall im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl. Trotz dieser Zäsur befindet sich die Kernenergie heute international im Aufwind, nicht zuletzt dank der umsichtigen Weiterentwicklung dieser umweltschonenden und kostengünstigen Technologie. An einer Informationsveranstaltung des Nuklearforums Schweiz am Donnerstag in Olten präsentierten Fachleute aus dem In- und Ausland die Fakten zu den Folgen von Tschernobyl und die Perspektiven für die Kernenergie zwanzig Jahre nach dem Unfall.

    Die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl waren lange Zeit Gegenstand von Spekulationen und sind bis heute in der Region spürbar. Auch zwanzig Jahre später übt dieser Unfall eine nachhaltige Wirkung auf die öffentliche Wahrnehmung der Kernenergie aus. Im Gegensatz da-zu setzt angesichts der absehbaren Stromlücken, der gefährdeten Versorgungssicherheit und der Klimaproblematik in vielen Ländern eine Rückbesinnung auf die Vorteile der Kernenergie ein. "In der Schweiz haben wir die Kernenergie als zuverlässige Energiequelle kennen gelernt, und wir wissen, wie wir damit umgehen müssen", sagte die Solothurner CVP-Nationalrätin Elvira Bader. Für sie war der Unfall in Tschernobyl nie ein Argument für den Ausstieg, sondern An-lass für die nochmalige Verbesserung des bereits damals guten technischen Leistungsausweises der Schweizer Kernkraftwerke. "Wenn wir diesen Weg beibehalten, dann bringt das für das Land mehr Sicherheit als die Alternativen", lautete ihr Fazit zur Ausgestaltung der künftigen Stromversorgung der Schweiz.

    Kontinuierliche Pflege der Sicherheitskultur

    "In den letzten zwanzig Jahren hat sich viel geändert, angefangen beim politischen System des ehemaligen Ostblocks bis zur heutigen Neubeurteilung der Kernenergie", fasste Manfred Thu-mann, Konzernleitungsmitglied des Energieunternehmens Axpo, die Folgen von Tschernobyl aus der Sicht eines Schweizer Kernkraftwerkbetreibers zusammen. So ist seit 1986 während vielen tausend Betriebsjahren kein auch nur annähernd vergleichbarer Störfall in Kernkraftwerken aufgetreten. Das ist kein Zufall, denn bereits Jahre vor dem Unfall in Tschernobyl wurde die Sicherheit der Kernanlagen grundlegend überprüft und kontinuierlich verbessert. "Am Bespiel des Kernkraftwerks Beznau lässt sich zeigen, wie auch so genannte alte Anlagen so nachgerüstet wurden, dass sie heute den neusten Sicherheitsstandards genügen", betonte Thumann. Und seit Tschernobyl pflegen die Betreiber der Kernkraftwerke weltweit einen intensiven Informationsaustausch mit dem Ziel, die jeweils beste Betriebsführung als Massstab zu setzen.

    Die gesundheitlichen und sozialen Folgen

    Serge Prêtre, ehemaliger Direktor der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen, erinnerte daran, dass der Reaktorunfall in Tschernobyl das Ergebnis einer mangelnden Sicherheitskultur und eines nicht ausreichend sicher konstruierten Reaktors war. Insgesamt prognostiziert ein kürzlich von der Uno, Weissrussland, Russland und der Ukraine im Rahmen des "Tschernobyl-Forums" publizierter Bericht, dass bis zu 4000 Menschen an der durch den Unfall freigesetzten Strahlung sterben könnten. Eine Zunahme von angeborenen Fehlbildungen konn-te nicht festgestellt werden. Neben den gesundheitlichen Belastungen ist die Bevölkerung zu-dem von den Folgen der von den damaligen sowjetischen Behörden getroffenen Massnahmen betroffen. "Insbesondere die sozialen Auswirkungen der Umsiedlungen erwiesen sich als ka-tastrophal", sagte Prêtre.

    Unterstützung für die Länder Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion

    Seit den 1990er-Jahren erhalten die Länder Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion im Nuklearbereich Unterstützung von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE). Nach den Angaben von Balthasar Lindauer, stellvertretendem Direktor der Abteilung für nukleare Sicherheit der EBWE, leistet die Bank finanzielle Hilfe bei Sicherheitsverbesserungen an den weiterhin in Betrieb stehenden sowjetischen Kernkraftwerken vom Tschernobyl-Typ und den älteren Reaktoren der ersten Generation. Zudem verfügt die EBWE über drei Fonds, um Litauen, Bulgarien und die Slowakei bei der Stilllegung dieser Kernkraftwerkstypen und bei Folgeprojekten im Energiesektor zu unterstützen. In Tschernobyl selbst finanziert die EBWE - nach der Abschaltung des letzten der drei verbliebenen Kraftwerksblöcke Ende 2000 - die für den Stilllegungsprozess nötigen Anlagen. Schliesslich verwaltet die Bank einen Fonds, um die heutige Umhüllung des zerstörten Blocks 4 zu stabilisieren und bis ins Jahr 2010 mit einer zwei-te Umhüllung z u ergänzen.

    Notiz an die Redaktionen:

    Internet-Links zu Tschernobyl

    Hinweise auf Originalquellen für Medienschaffende

    Im Jahr 2003 ist auf Initiative der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) das "Tschernobyl-Forum" gegründet worden. Die Aufgabe dieses Forums besteht darin, die Wissenslücken zu füllen und verlässliche, wissenschaftlich breit abgestützte Grundlagen über die tatsächlichen Auswirkungen des Unfalls auf Gesundheit, Umwelt und Gesellschaft zu gewinnen. Die Resultate dieser einmaligen Dokumentationsarbeit hat das Tschernobyl-Forum kürzlich in einem zweiten, überarbeiteten Bericht publiziert.

    Das Tschernobyl-Forum vereinigt acht Spezialorganisationen der Uno und die drei am stärksten vom Unfall betroffenen Länder:

- die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO)

- die Weltgesundheitsorganisation (WHO)

- das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP)

- die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten     Nationen (FAO) - das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP)

- das Büro der Vereinten Nationen zur Koordinierung der   humanitären Hilfe(UN-OCHA)

- das Wissenschaftliche Komitee der Vereinten Nationen über die   Wirkungen atomarer Strahlungen (UNSCEAR)

- die Weltbank

- die Regierung von Weissrussland

- die Regierung der Russischen Föderation

- die Regierung der Ukraine

    Das Tschernobyl-Forum hat die aktuellen Erkenntnisse in einer rund 60 Seiten starken Zusam-menfassung unter dem Titel "Tschernobyls Vermächtnis: die gesundheitlichen, ökologi-schen und sozio-ökonomischen Folgen" ("Chernobyl's Legacy: Health, Environmental and Socio-economic Impacts") veröffentlicht. Die Basisberichte sind von rund hundert Wis-senschaftern aus den verschiedensten Fachbereichen zusammengetragen worden - von den Natur- und Umweltwissenschaften über die Medizin bis zu den Wirtschafts- und Politikwissen-schaften. Der Bericht ist im Namen der oben genannten Institutionen und Regierungen erschie-nen.

Internet-Links zum Uno-Bericht über die Folgen von Tschernobyl:

    Website der IAEO mit zahlreichen Links auf die Originalquellen: http://www.iaea.org/NewsCenter/Focus/Chernobyl/index.shtml

    Press Release IAEO deutsch: http://www.iaea.org/NewsCenter/Focus/Chernobyl/pdfs/pr_ger.pdf

    Press Release AIEA französisch: http://www.iaea.org/NewsCenter/Focus/Chernobyl/pdfs/pr_fr.pdf

    Zusammenfassender Bericht des Tschernobyl-Forums: "Chernobyl's Legacy: Health, Environ-mental and Socio-economic Impacts", in Englisch, 57 Seiten: http://www.iaea.org/Publications/Booklets/Chernobyl/chernobyl.pdf

    Sämtliche Texte und die Folien der Referenten sind unter www.nuklearforum.ch aufgeschaltet.

ots Originaltext: Nuklearforum Schweiz
Internet: www.presseportal.ch

Kontakt:
Dr. Roland Bilang
Geschäftsführer
Nuklearforum Schweiz
Tel.: +41/31/560'36'50
E-Mail: info@nuklearforum.ch



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