Schweizerischer Nationalfonds / Fonds national suisse

Erwartungen an die Tagesschule sind zu gross

Bern (ots) - Kinder, die in den ersten beiden Primarschuljahren in der Deutschschweiz zusätzlich ein Tagesschulangebot nutzen, erbringen im Allgemeinen keine besseren schulischen Leistungen als andere. Zu diesem Schluss kommt ein vom SNF gefördertes Projekt. Insgesamt zeigen die Untersuchungen, dass Tagesschulen nicht alle Ansprüche erfüllen, die an sie gestellt werden.

Gross sind die Hoffnungen in die freiwilligen, offenen Tagesschulen - in einigen Kantonen auch Schülerclub, Hort oder Tagesstrukturen genannt: Das Betreuungsangebot ausserhalb des Unterrichts unter Obhut der Schulen soll die Chancengleichheit und Integration fördern und zu besseren Schulleistungen führen. Und ausserdem soll es dazu beitragen, dass mehr Frauen ins Arbeitsleben zurückkehren.

Ob diese Wirkungen bei Schülerinnen und Schülern auch tatsächlich eintreten, das hat ein vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördertes Projekt an der Universität Bern untersucht. Das Fazit: "So, wie die Angebote heute konzipiert sind, zeigt sich nicht, was man sich erhofft", fasst Marianne Schüpbach, heute Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Bamberg (D) und Projektleiterin der Studie, das Ergebnis der mehrjährigen Forschungsarbeit zusammen. Die Resultate erscheinen dieser Tage als Sammelband*.

Untersucht hat das Projekt im Rahmen des EduCare-Forschungsprogramms insbesondere drei Themenbereiche: die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler im 1. und 2. Primarschuljahr in der offenen Tagesschule, die pädagogische Qualität und die Nutzung des Tagesschulangebots. Dazu wurden rund 2000 Schülerinnen und Schüler im 1. und 2. Primarschuljahr befragt und begleitet. Sie besuchten 120 Klassen von 53 Deutschschweizer Tagesschulen aus 13 Kantonen.

Schulleistung entwickelt sich nicht besser

"Eine dauerhafte Nutzung in den ersten beiden Schuljahren hat keine Wirkungen auf die schulische Leistungsentwicklung", sagt Schüpbach. Hingegen hat eine dauerhafte Angebotsnutzung einen kompensatorischen Effekt bei Kindern aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status in der Mathematikleistung. Aber: "Im Lesen zeigten sich keine besseren Leistungen für sogenannte Risikokinder aus Familien mit Migrationshintergrund und mit niedrigem sozioökonomischem Status als bei der Vergleichsgruppe, die kein Tagesschulangebot besuchte", sagt Schüpbach.

Untersucht wurde auch, wie sich Kinder, die das Tagesschulangebot nutzen, sozial und emotional entwickeln. Hinsichtlich des Sozialverhaltens, das positive Konsequenzen für andere Menschen hat, wurde kein Unterschied gefunden zwischen Kindern, die das Angebot nutzen und den Anderen. Allerdings hat sich gezeigt, dass die Zusammensetzung der Gruppe einen Einfluss auf die Entwicklung von auffälligem Sozialverhalten beim einzelnen Kind hat: Kinder, die in einer Gruppe mit vielen verhaltensauffälligen Kindern waren, bei denen nahm das störende Verhalten weniger stark ab, als in der Vergleichsgruppe. "Dieser Befund zeigt auf, dass eine gute Durchmischung von Schülerinnen und Schülern anzustreben ist", sagt Schüpbach. Zudem sollten Massnahmen geprüft werden, zum Beispiel mehr Betreuungspersonen, eine Sensibilisierung des Personals oder spezifische Interventionen im Angebot, um solchen unvorteilhaften Effekten entgegen zu wirken.

Zu wenig gezielte Förderung

Die Studie stellt weiter fest, dass sich die pädagogische Qualität des Tagesschulangebots zwar in den letzten knapp 10 Jahren geringfügig verbesserte und von mittlerer bis guter Qualität ist. Tragende Elemente des Tagesschulangebots bleiben jedoch die Hausaufgabenbetreuung, das Mittagessen und das Zvieri. Untersucht wurde auch, welche Aktivitäten den Kindern im Angebot ermöglicht werden. Dabei wurde deutlich, dass das Freispiel, die freien Aktivitäten, in den Deutschschweizer Tagesschulen von grosser Bedeutung sind. Gezielte, geleitete pädagogische Aktivitäten gibt es allerdings nur wenige, zum Beispiel in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) oder im Bereich Sprache. "Das ist der Hauptunterschied zu extracurricularen Angeboten in anderen Ländern wie den USA, die kursorische, aktivierende, zielgerichtete und klar strukturierte Angebote haben und damit gezielt Sprache und Bereiche wie das Sozialverhalten fördern. Da besteht in den Deutschschweizer Tagesschulen noch viel Potenzial", sagt Schüpbach.

Das Resultat weist auf eine Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Funktion und der Erwartung der Eltern hin, die ihr Kind in die Tagesschule schicken, um es zu fördern. "In der Deutschschweiz sind die Tagesschulen eher auf Betreuung und zu wenig auf Bildung ausgerichtet".

Kostenstruktur schliesst mittlere Einkommen aus

Im Projekt hat sich ausserdem gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund sowie Kinder aus Familien mit hohem sozioökonomischem Status und somit hohem Einkommen das Tagesschulangebot häufiger nutzen. Am wenigsten genutzt wird es von Kindern aus Familien mit mittleren Einkommen. "Der Grund dafür ist die einkommensabhängige Kostenbeteiligung", sagt Schüpbach. Für Familien mit mittleren Einkommen sei dieses häufig zu teuer. "Es wäre wünschenswert, die Kostenstruktur zu überdenken, so dass die Nutzung des Tagesschulangebots auch für Familien mit mittleren Einkommen interessant ist und eine gute Durchmischung der Schülerinnen und Schüler stattfindet."

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Das Programm EduCare

Seit 2006 hat der Schweizerische Nationalfonds drei zusammenhängende Projekte unterstützt, die die Qualität und Wirksamkeit der familialen und ausserfamilialen Betreuung und Bildung von Primarschulkindern untersucht hat. Die Beschreibungen der Teilprojekte und die Resultate sind auf der Webseite http://www.educare-schweiz.ch publiziert.

*M. Schüpbach, L. Frei und W. Nieuwenboom: Sammelbandband Tagesschulen. Ein Überblick. Programm VS Research, Springer Verlag (2017). Link zum Online-Rezensionsexemplar http://www.springer.com/de/book/9783658190231

Projekt in der SNF Forschungsdatenbank P3 - http://p3.snf.ch/Project-143797

Kontakt:

Prof. Dr. Marianne Schüpbach
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik
Tel.: +49 951 / 863 1836
E-Mail: marianne.schuepbach@uni-bamberg.de



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