Schweizerischer Nationalfonds / Fonds national suisse

Die Behandlung von Varianten der Geschlechtsentwicklung wird aufgearbeitet

Bern (ots) - Der Schweizerische Nationalfonds unterstützt das Universitäts-Kinderspital Zürich bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Behandlung von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung.

Hermaphroditen, Zwitter und Intersexuelle wurden sie genannt: Neugeborenen und Kindern ohne eindeutiges biologisches Geschlecht wurde seit den 1950er Jahren möglichst rasch das "wahre" Geschlecht zugewiesen, unterstützt durch neue Möglichkeiten der Pharmakotherapie oder auch durch Operationen. Viele Betroffene haben durch die Behandlung schwere psychische und körperliche Belastungen erlebt.

Das Universitäts-Kinderspital Zürich wird die Behandlungspraxis in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Medizingeschichte der Universität Zürich nun medizinhistorisch aufarbeiten. Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) hat ein entsprechendes Projektgesuch bewilligt und finanziert die Forschenden mit einer halben Million Franken. Ein interdisziplinäres Team um Professor Flurin Condrau, Inhaber des Lehrstuhls für Medizingeschichte an der Universität Zürich, Professorin Rita Gobet, Leiterin der Urologie am Kinderspital sowie Jürg C. Streuli, Kinderarzt und Ethiker am Kinderspital wird die Behandlung von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung von 1945 bis 1970 untersuchen. Das Projekt begann am 1. Oktober 2016 und dauert zwei Jahre.

Selbsthilfeorganisation gab den Anstoss

Das Projekt vertieft eine medizinhistorische Pilotstudie aus dem Jahr 2014*. Vorangegangen war dieser Pilotstudie ein offener Brief der Selbsthilfeorganisation zwischengeschlecht.org, in dem unter anderem eine historische Aufarbeitung der Behandlung von Kindern mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung gefordert wurde. Seit den 1990er Jahren setzen sich Betroffene für mehr Selbstbestimmung ein**.

Wie sich die Behandlung von Kindern mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelte, wird die Untersuchung eruieren. Dabei wird die aktuelle Studie die Sichtweise aller Involvierten berücksichtigen, also der Betroffenen sowie der Behandelnden, die in die Diagnose oder Therapie einbezogen waren. Zudem werden die Krankenakten medizinhistorisch analysiert.

Das Kinderspital Zürich galt seit den 1950er Jahren als eine der führenden Forschungs- und Behandlungsstätten für Kinder mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung. Dadurch verfügt es über einen wohl einmaligen Korpus an Dokumenten, die mittlerweile vom Staatsarchiv des Kantons Zürich übernommen und archivalisch erschlossen wurden.

Erkenntnisse für die aktuelle Debatte gewinnen

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt wird dazu beitragen, die aktuelle Debatte über den Umgang mit Menschen mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung historisch zu untersetzen. Zusätzlich wird es wichtige Erkenntnisse für die ethische Debatte um Entscheidungen in der Behandlung bringen.

"Der SNF unterstützt regelmässig Forschungsprojekte zu Fragen mit grosser gesellschaftlicher Bedeutung", sagt Paul Schubert, Forschungsratspräsident der Abteilung Geistes- und Sozialwissenschaften des SNF. "Anstelle eines parteiischen Zugangs entwickeln unsere Forschenden eine ausgewogene, reflektierte und nuancierte Perspektive auf teilweise emotional aufgeladene Themen." So leisteten die Geistes- und Sozialwissenschaften einen wichtigen und direkten Beitrag zur Lebensqualität der Schweizer Bevölkerung.

*Die Pilotstudie des Universitäts-Kinderspitals (2015) https://www.kispi.uzh.ch/de/patienten-und-angehoerige/fachbereiche/urologie/Documents/Bericht_DSD_Sandra_Eder_Kinderspital_Zuerich.pdf%23search=Intersexualit%C3%A4t

**Hintergründe und Fakten im Forschungsmagazin Horizonte Nr. 107, Dezember 2015 zum Thema Intersexualität: http://www.snf.ch/SiteCollectionDocuments/horizonte/Horizonte_gesamt/Horizonte_107_D.pdf

Kontakt:

Paul Schubert
Forschungsratspräsident der Abteilung Geistes- und
Sozialwissenschaften des SNF
Tel.: +41 22 379 70 35
E-Mail: paul.schubert@unige.ch



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