Schweizerischer Nationalfonds / Fonds national suisse

Angst hält Schmerzen wach

Bern (ots) - Menschen mit Rückenschmerzen bewegen sich anders als solche ohne Beschwerden. Aber nicht nur die Schmerzen, sondern auch die Angst davor wirken sich auf die Bewegungen aus. Dies erklärt teilweise, warum gewisse Rückenleiden chronisch werden. Ein vom Schweizerischen Nationalfonds geförderter Wissenschaftler hat in einem Versuch gezeigt, dass Patienten weniger leiden, wenn sie die Angst verlieren.

Statistiken zufolge leiden in den Industrieländern nur 20 Prozent der Menschen nach eigenen Angaben nie an Rückenschmerzen. Die meisten Menschen verspüren mindestens einmal im Leben Schmerzen im Kreuz. Das Tragen von schweren Gegenständen, eine schlechte Körperhaltung, Stress oder Bewegungsmangel gelten als die üblichen Ursachen dieser Erkrankung.

Die meisten Patienten erholen sich in der Regel in sechs bis zwölf Wochen wieder. Doch bei einigen wird die Krankheit chronisch, die Gründe dafür sind genauso unbekannt wie die Heilungsaussichten. Die Behandlungskosten dieser Patienten machen etwa 85 Prozent der durch Kreuzschmerzen verursachten Kosten aus - in der Schweiz rund 6 Milliarden Franken pro Jahr.

Yves Henchoz und seine Kollegen von der Universität Québec in Trois-Rivières, Kanada, wollten wissen, welche Rolle die Angst beim Übergang zu einem chronischen Krankheitsbild spielt: Beeinflusst die Angst die Rumpfmuskulatur und die Bewegungsausführung? Sie baten 22 gesunde Personen und 22 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, den Oberkörper nach vorne zu beugen und sich anschliessend wieder aufzurichten. Dabei haben sie ihnen im unteren Rückenbereich Temperaturreize in verschiedenen Intensitäten verabreicht, von schmerzlos, über leicht schmerzhaft bis schmerzhaft. Vor jedem Hitzereiz haben sie den Teilnehmern mitgeteilt, wie stark der Schmerz sein würde.

Teufelskreis

Während des Experiments haben die Forschenden die Rumpfbewegungen und die Muskelaktivität im Lendenwirbelbereich gemessen. Die - kürzlich veröffentlichten (*) - Ergebnisse haben sie überrascht. Den grössten Einfluss verübte die Angst vor dem Schmerz auf gesunde Personen: je höher die zu erwartende Schmerzintensität, desto stärker die Anspannung der Muskeln. Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen löste der erwartete Schmerz weniger neuromuskuläre Veränderungen aus. Den Wissenschaftlern zufolge liegt dies daran, dass diese Patienten auch mit schmerzlosem Hitzereiz Schmerzen empfinden. Ihre Bewegungsstrategie ist festgefahren, und sie passen sich weniger an die Umwelt an. Somit sind sie in einem Teufelskreis gefangen: Sie fürchten den mit der Bewegung verbundenen Schmerz, schränken dadurch ihre Beweglichkeit ein und verhindern, dass die Schmerzen je nachlassen.

Die Erwartungen beeinflussen

Bei sechs von den 27 Rumpfbeuge- und -streckübungen haben die Forschenden mit falschen Informationen die Erwartungen der Teilnehmer beeinflusst: Auf die Ankündigung eines geringen Hitzegrades liessen sie einen schmerzhaften Hitzereiz folgen. Sowohl die gesunden als auch die unter Rückenschmerzen leidenden Probanden empfanden den Hitzereiz dadurch weniger schmerzhaft. Es scheint also ratsam, eine erste Dosis an Schmerzmitteln in Form von beruhigenden Worten zu verabreichen, in der Hoffnung dass sich die Kreuzschmerzen nicht verstetigen.

(*)Yves Henchoz, Charles Tétreau, Jacques Abboud, Mathieu Piché, Martin Descarreaux (2013). Effects of noxious stimulation and pain expectations on neuromuscular control of the spine in patients with chronic low back pain. The Spine Journal online. doi: 10.1016/j.spinee.2013.07.452 (Für Medienvertreter als PDF-Datei beim SNF erhältlich: com@snf.ch)

Der Text dieser Medienmitteilung steht auf der Webseite des Schweizerischen Nationalfonds zur Verfügung: www.snf.ch > Medien > Medienmitteilungen.

Kontakt:

Dr. Yves Henchoz
Alkoholbehandlungszentrum
Universitätsspital Lausanne (CHUV)
CH-1011 Lausanne
Tel.: +41 21 314 01 39
E-Mail: yves.henchoz@chuv.ch



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