Schweizerischer Nationalfonds / Fonds national suisse

SNF: Bild des Monats Juli 2007: Lernen aus historischen Naturkatastrophen

SNF: Bild des Monats Juli 2007: Lernen aus historischen 
Naturkatastrophen
Der Historiker Guido Poliwoda über dem Schwellemätteli. Die Verstopfung der Schwelle durch Schwemmholz führte im August 2005 zur Überschwemmung des Berner Mattequartiers.
Bild und Text unter: http://www.presseportal.ch/de/galerie.htx? type=obs Bern (ots) - Erfolgreiches Katastrophenmanagement nur von unten nach oben Der Berner Umwelthistoriker Guido Poliwoda hat die Hochwasser der Elbe in Sachsen im 18. und 19. Jahrhundert untersucht und zeigt, wie die betroffenen Menschen damit umzugehen lernten. Die Untersuchung liegt jetzt in einem Buch vor. Im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunktes «Klima» vergleicht er seine Resultate nun auch mit anderen Ländern und Zeiten und stellt fest, dass vor 200 Jahren Vieles von dem bekannt war, was wir heute wissen sollten. Kann man aus der Geschichte lernen? «Sollte man», meint Guido Poliwoda: «Dann würde bei einem Hochwasser im besten Fall niemand mehr ertrinken und die Schäden wären weitaus geringer.» Der Berner Umwelthistoriker hat die Hochwasser der Elbe in Sachsen im 18. und 19. Jahrhundert untersucht und zeigt, wie die betroffenen Menschen damit umzugehen lernten. Die Untersuchung liegt jetzt in einem Buch* vor. Im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunktes «Klima» vergleicht er seine Resultate nun auch mit anderen Ländern und Zeiten und stellt fest: «Die Schweiz ist im Katastrophenfall ein positiver Sonderfall.» Vom Lernschritt zur Lerngenese Die Elb-Hochwasser häuften sich im untersuchten Zeitraum. Das erste, 1784, traf Sachsen allerdings gänzlich unvorbereitet. Seit 130 Jahren hatte es nichts Vergleichbares gegeben. «Meterdicke Eisschollen rasten die Flüsse hinab, Trümmer zerstörten Häuser, losgerissene Schiffe und an den Ufern gelagerte Baumstämme rasierten mit der Flutwelle alles hinweg, was sich ihr in den Weg stellte», beschreibt Poliwoda das Ereignis. Die Flut stürzte das winterliche Sachsen ins Chaos. Der Monarch sandte Geld, das Militär begann mit Aufräumarbeiten, erste Massnahmen wurden eingeleitet, darunter Deichwachen, Hygienevorschriften und akustische Warnsysteme mit Kanonen. «Lernschritte», nennt der Autor diese Massnahmen, die damals fast nur der Abwehr dienten. Es folgten weitere Hochwasser - eine Häufung, die einher ging mit einer Absenkung der Durchschnittstemperatur im so genannten Dalton Minimum, einer Kaltphase von 1780 bis 1830. Erst diese Häufung führte zu einem «Lernprozess» und schliesslich zu einer «Lerngenese». Ziel war es, Schäden zu verhindern, denn die Aufwendungen überstiegen die finanziellen Möglichkeiten des Staates bei weitem. Und auch die private Spendenbereitschaft ging rasch zurück. Im politischen Sachsen entwickelte sich ein Systemumbruch. Lösungsvorschläge kamen aus allen Schichten der Bevölkerung, auch von ganz unten. Sie wurden ernst genommen und implementiert. Hierarchien verflachten, nicht Status war mehr bestimmend, sondern Funktion. So etablierte sich ein eigentliches Katastrophenmanagement. Mit Erfolg. Die Katastrophe 1845 überstieg alle bis dahin gemessenen Pegelstände, doch die Behörden reagierten professionell: «Überall war bei aller steigender Gefahr, Ordnung, Ruhe und Vertrauen auf die Einsicht der wahrhaft väterlichen Behörde», notierte ein Zeitzeuge. Wettlauf gegen das Vergessen Im Jahr 2002 war Sachsen wieder von einem Hochwasser betroffen, schlimmer als alles bisherige. Die Einsichten aus der Zeit des Dalton Minimums lagen weit zurück, dazwischen ein Jahrhundert mit wenigen Naturkatastrophen. Die Aufarbeitung dieser neuen Katastrophe ergab mangelnde Kooperation, Kommunikation und Führung über Institutions- und Raumgrenzen hinweg. Braucht es, wie in historischer Zeit, mehrere Katastrophen, bis wieder ein effizientes Katastrophenmanagement erreicht ist? Der Umwelthistoriker ist überzeugt, dass es möglich wäre, aus der Geschichte zu lernen. Doch seine wichtigste Einsicht: «Ein Katastrophenmanagement wird scheitern, wenn es nicht von unten nach oben getragen wird.» Dass Deutschland im Jahr 2002 mit dem Elbhochwasser überfordert war, wundert den gebürtigen Hannoveraner nicht: «Deutschland ist föderal-hierarchisch und konservativ organisiert.» Zu hierarchisch, zu konservativ. «Der Umgang mit Katastrophen erfordert proaktives Lernen, ist progressiv», betont er. Auch die Schweiz profitierte im letzten Jahrhundert von der so genannten Katastrophenlücke. Doch sie schneidet bei der Bewältigung der aktuellen Naturkatastrophen trotzdem nicht schlecht ab. «Die Schweiz ist nicht so hierarchisch, sondern föderal-solidarisch,» so die Erklärung. Nicht, dass man es nicht besser machen könnte. «Vernetzen, kommunizieren, lernen», heisst deshalb die Botschaft, und zwar über Länder- und Zeitgrenzen hinweg, denn solche Ereignisse sind jeweils nicht nur menschlich eine Katastrophe, sondern auch wirtschaftlich. Und sie werden zunehmen, so die übereinstimmenden Prognosen. Ohne Katastrophenmanagement, ist Poliwoda überzeugt, werden die Schäden so gross, dass einzelne Versicherer nicht mehr bereit sein werden, sie zu tragen. Im letzten Jahr ist bereits die Elementarschadenversicherung erhöht worden. Und, wie die Geschichte zeigt, wird mit der Häufung auch die private Spendenbereitschaft abnehmen. Wohl auch in der Romandie. Denn die Romandie, das ein Ergebnis seiner neuesten Studie, spendete mehr und öfter als der Rest der Schweiz. *Guido N. Poliwoda: Aus Katastrophen lernen – Sachsen im Kampf gegen die Fluten der Elbe 1784 bis 1845. Böhlau Verlag, 2007. Kontakt: Guido Poliwoda Historisches Institut der Universität Bern Abteilung für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte Erlachstrasse 9a CH-3012 Bern Tel. +41 (0)31 631 52 32 E-Mail: Guido.Poliwoda@hist.unibe.ch Text und Bild dieser Medieninformation stehen auf der Website des Schweizerischen Nationalfonds zur Verfügung: http://www.snf.ch > D > Medien > Bild des Monats

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